Da kann nicht mal Lady Gaga mithalten: 20 Millionen Platten verkaufte Norah Jones mit ihrem Debütalbum "Come Away With Me" (2002), mehr als jede andere Künstlerin im vergangenen Jahrzehnt. Im Laufe ihrer Karriere kamen nicht nur weitere 30 Millionen verkaufter Alben, sondern auch zehn Grammys dazu. Ein Megastar. Und dann öffnet der Megastar die Tür zum Vorraum, in dem die Journalisten auf ihre Interviews warten, grüßt freundlich - und verschwindet erst einmal in dem unvorteilhaften Watschelgang, den Frauen in Ballerinas meist an sich haben, in Richtung Toilette. Nicht gerade ein glamouröser Auftritt. "Ich finde mich nicht sehr mysteriös", sagt die 33-Jährige auch später im Laufe des Gesprächs - und hat damit nur teilweise Recht. Denn wie die Musikerin, die nun ihr fünftes Album "Little Broken Hearts" veröffentlicht, ihre Bodenständigkeit bewahrt, behält sie für sich: Über ihr Privatleben spricht sie nicht so gerne.
teleschau: Ihr Album heißt "Little Broken Hearts" - singen Sie da über Ihre eigenen Erfahrungen?
Norah Jones: Oh ja, da steckt eine ganze Menge an bitteren Erlebnissen drin.
teleschau: In dem Stück "Miriam" singen Sie sogar davon, wie Sie eine Nebenbuhlerin töten wollen ...
Jones: Ja, das macht Spaß! Ich spiele da eine Rolle. Ich gehe normalerweise nicht durch die Gegend und stelle mir vor, wie ich Menschen umbringe. Aber manchmal gibt es doch bei jedem Menschen so einen kurzen Moment, in dem man gerne etwas Fürchterliches tun würde. Danach setzt natürlich gleich die Selbstkontrolle ein und man denkt: "Nein, so etwas würde ich niemals tun!" - Aber es macht eben doch Spaß, wenigstens einen Song darüber zu schreiben. Aber nicht nur meine Erlebnisse stecken in dem Album, sondern auch Brians. Wir haben das Album schließlich zusammen geschrieben.
teleschau: Sie arbeiten jetzt schon zum zweiten Mal mit Produzent Brian Burton alias Danger Mouse zusammen. Wie kam es dazu?
Jones: Beim ersten Mal rief er mich an und fragte, ob ich auf seinem Album "Rome" singen wolle. Und das funktionierte wirklich gut. Also fragte ich ihn diesmal. Und er sagte ja, aber er wolle erst einmal sehen, wie gut wir im Studio zusammenarbeiten, beim Songwriting. Das machte Spaß, denn normalerweise gehe ich erst ins Studio, wenn ich schon alle Songs fertig geschrieben habe.
teleschau: Sie sagten mal, Sie bräuchten für ein Album nie länger als vier Wochen. War es diesmal auch so?
Jones: Damit meinte ich nur die Aufnahmen. Diesmal haben wir ja auch noch die Songs geschrieben - und trotzdem nur zwei Monate gebraucht.
teleschau: Ganz schön schnell! Sie sind also keine Perfektionistin?
Jones: Manchmal schon. Aber ich bin niemand, der ewig an einem Song herumtüftelt. Manchmal habe ich auch einfach genug von einem Lied und will mit dem nächsten weitermachen.
teleschau: Auch musikalisch wechseln Sie mittlerweile oft die Richtung, kollaborieren mit HipHop-Künstlern, Country-Sängern oder Rock-Musikern ...
Jones: Das kommt einfach mit der Zeit und der Erfahrung. Als ich jung war, freute ich mich einfach an dem, was ich tat. Ich freue mich heute immer noch darüber, aber ich will nicht ständig das Gleiche tun. Also probiere ich gerne mal was Neues aus.
teleschau: ... und dann rufen Sie einen anderen Musiker für eine Kollaboration an?
Jones: Meistens werde ich angerufen. Aber ich bin offen für alles! Die meiste Zeit lasse ich mich einfach treiben und schaue, was passiert.
teleschau: Bevorzugen Sie deshalb auch auf Tour die gemütliche Art des Reisens per Bus?
Jones: Ja, es ist viel einfacher. Man muss nicht zum Flughafen, einpacken, wieder auspacken, all das. Einfach rein in den Bus und los geht's. Man muss nur darauf achten, dass die Tour eine ordentliche Route hat. Und dass die Mitreisenden keine Stinker sind. (lacht)
teleschau: Hatten Sie auch schon mal während einer Tour genug davon?
Jones: Oh ja, sehr oft.
teleschau: Und die Tour dann abgekürzt?
Jones: Nein. Hätte ich wahrscheinlich machen sollen. Irgendwann reicht es einfach, jeden Abend das Gleiche zu tun. Aber es ist immer ein Ende in Sicht, und bis dahin halte ich schon noch durch. Und ein paar Jahre später vermisse ich es wieder. Es macht eben doch Spaß.
teleschau: Was tun Sie, wenn Sie mal wieder genug haben?
Jones: Ich bin gerne daheim, besuche meine Freunde und koche. Ein normales, kleines Leben. Eigentlich würde ich auch gerne mal einen großen Urlaub an irgendeinem Traumstrand machen. Aber wenn man für die Arbeit so viel verreist, ist man froh, wenn man einfach zu Hause bleiben kann.
teleschau: Derzeit haben Sie wieder reichlich Stress: Das Album Ihrer Zweitband The Little Willies wurde gerade erst im Januar veröffentlicht, jetzt kommt keine vier Monate später Ihr eigenes.
Jones: Ach, das Little-Willies-Album war überhaupt kein Stress, wir nahmen es innerhalb von drei Tagen auf. Es ist sehr angenehm, in dieser Band zu sein.
teleschau: Ihr Exfreund Lee Alexander, der sie auch musikalisch durch die ersten Jahre des Erfolgs begleitete, ist ebenfalls Teil der Band. War das denn kein Problem?
Jones: Nein. Nach der Trennung machten wir ein paar Jahre lang nichts miteinander, aber jetzt bringt es wirklich Spaß, wieder zusammenzuarbeiten.
teleschau: Sie sind die einzige Frau in der Band. Sind Sie da eher einer der Jungs oder die kleine Prinzessin?
Jones: Ich bin beides! Sie sind alle älter als ich, und wir kennen uns seit zwölf, 13 Jahren. Sie haben mich aufwachsen sehen, und so bin ich gewissermaßen ihre kleine Schwester. Na ja, wahrscheinlich nicht Lees kleine Schwester, auch wenn wir uns sehr nahe stehen. Aber ich kann sie auch alle um den Finger wickeln! Zum Beispiel bitte ich Richard gerne um Nackenmassagen. Die Jungs sind wirklich nett zu mir, wir haben eine Menge Spaß.
teleschau: Ihr Vater ist der berühmte Sitar-Spieler Ravi Shankar, aber Ihre Mutter hatte mehr Einfluss auf Ihre Karriere ...
Jones: Nicht nur auf meine Karriere, auf mein ganzes Leben! Meine Mutter hat mich schließlich erzogen. Meine musikalische Erziehung lief hauptsächlich über ihre Plattensammlung: Ich wuchs mit Ray Charles, Billie Holiday und Aretha Franklin auf.
teleschau: Keine typische Teenie-Musik.
Jones: Das stimmt. Als ich klein war, wusste ich noch halbwegs, was in der Popwelt los war. Noch heute höre ich gelegentlich ein bisschen Paula Abdul. Aber in der Highschool hatte ich nicht die geringste Ahnung von Popmusik. Ich war auf einer sehr interessanten Schule für darstellende Künste, da hörte jeder alte Musik.
teleschau: Als Sie dann Ihre Karriere begannen, taten Sie das auf fast schon klischeehafte Weise: Sie zogen aus Texas nach New York und arbeiteten erst mal als Kellnerin. Hätten Sie sich Ihren späteren Erfolg damals träumen lassen?
Jones: Eigentlich träumte ich nur davon, Musik zu machen. Ich hatte kein langfristiges Ziel, so weit dachte ich gar nicht im Voraus. Ich war immer noch dabei herauszufinden, welche Musik ich eigentlich mochte - ich war also noch nicht einmal sicher, was der Traum sein sollte!
teleschau: Was vermissen Sie am wenigsten, wenn Sie an diese Zeit zurückdenken?
Jones: Das frühe Aufstehen. Und sich jeden Scheiß von den Kunden gefallen zu lassen.
teleschau: Klingt nicht gerade nach einer schönen Erfahrung ...
Jones: Doch, es war eine gute Zeit! Wenn man jung ist und zum ersten Mal in New York lebt, ist das wahnsinnig aufregend. Ich lernte ständig Leute kennen und entdeckte Neues. Daran denke ich sehr gerne zurück.
teleschau: Ihr Debütalbum katapultierte Sie dann aus dem Stand in den Starruhm. Fühlten Sie sich durch diesen Erfolg im Nacken jemals unter Druck gesetzt?
Jones: Kein bisschen. Im Gegenteil: Es gab mir die Freiheit zu tun, was immer ich wollte. Ich weiß, dass ich einen solchen Erfolg nie mehr haben werde, und ich will das auch gar nicht. Das wäre dann nämlich zu viel Druck. Man kann auf natürliche, spontane und einzigartige Weise einen Glückstreffer landen, so wie es mir damals wohl passierte. Aber Superstars, die ständig etwas Neues, Großes am Start haben, die arbeiten so hart dafür. Das will ich nicht. So viel Erfolg brauche ich gar nicht. (lacht)
teleschau: Auch große Medienaufmerksamkeit brauchen Sie offenbar nicht: Auf der Höhe Ihres Erfolges haben Sie sogar zeitweise alle Gespräche mit der Presse verweigert.
Jones: Es waren einfach zu viele. Damals lief das aber alles schon fast wie von selbst. Ich konnte mir also frei nehmen und wusste, dass ich mich damit nicht selbst sabotieren würde.
teleschau: Sie waren auch noch nie in irgendeinen Skandal verwickelt, und Ihr Privatleben bleibt privat. Ist es für Sie schwierig, den Medien zu entgehen?
Jones: Überhaupt nicht. Ich glaube, es ist generell nicht schwer. Die meisten Leute, die in den Medien auftauchen, wollen auch dort sein.
teleschau: Wenn Sie überhaupt in den Medien auftauchen, dann als stille Romantikerin. Stimmt dieses Image?
Jones: Nicht so ganz. Ich fluche zum Beispiel richtig viel!
teleschau: Worüber denn?
Jones: Über so ziemlich alles. Es reicht schon, wenn ich mir den Zeh anstoße.
Sabine Metzger





