Musik / Backstage

Romans Rausschmeißer?

Germany Twelve Points? Vorher muss Roman Lob in Baku (Sa., 26.05.) an diesen ESC-Teilnehmern vorbei

"Natürlich würde ich mir den ersten Platz wünschen, aber das wird sehr schwer" - noch hält Roman Lob, Deutschlands Stimme beim diesjährigen Eurovision Song Contest in Aserbaidschan, den Ball flach. Und der 21-jährige Mädchenschwarm tut gut daran: Die Konkurrenz schläft erfahrungsgemäß nicht. In Baku treffen am 26. Mai (ab 20.15 Uhr, ARD) möglicherweise anzügliche Traktor-Rapper auf einen röhrenden Adonis, freundliche Matroschkas auf ein manisches Duracell-Duo, üppiger Federschmuck auf Amy-Winehouse-Gedächtnisnester, ein Cyber-Girlie auf einen Saurier. Und mittendrin Roman Lob mit Welpenblick und Herzschmerz-Nummer. Ob's für den Sieg reicht, ist da längst nicht mehr die Frage. Welchem Kontrahenten man die Krone gönnt vielleicht schon eher. Ein nordisches Land stellt jedenfalls die diesjährige Favoritin beim Eurovision Song Contest. Und auch andere ESC-Nationen könnten sich mit Qualität oder zumindest mit Skurilität durchsetzen - sofern sie sich in den Halbfinals (22. und 24. Mai) qualifizieren. Auf dem Prüfstand stehen zwölf Kandidaten: ernsthafte Favoriten, Hingucker, Weghörer und Geheimtipps.

Loreen "Euphoria" (Schweden): Ätherisches Capoeira-Wesen oder Düster-Dance-Pop-Queen? Mit Flatter-Outfit und eigenwilliger Choreografie erinnert Loreen bisweilen an Madonna im Mystery-Musikvideo zur Hitsingle "Frozen". Bei Kritikern und in Wettbüros wird die Schwedin mit den marokkanischen Wurzeln bereits als absolute Favoritin gehandelt. Ob die 28-Jährige bald in ABBAs Fußstapfen tritt? "Euphoria", der Titel ihres pulsierenden Elektro-Reigens, klingt jedenfalls schon nach Siegerhymne.

Nina Zilli "L'Amore È Femmina (Out Of Love)" (Italien): Eine ebenso heiße Anwärterin auf den Sieg ist die Italienerin Nina Zilli. Die 32-Jährige probiert es mit Amy-Winehouse-Gedächtnisfrisur, charmant rollendem R und einer sehr hitverdächtigen Soul-Nummer. Spätestens seit Jazz-Musiker Raphael Gualazzi im letzten Jahr mit seinem Song "Madness Of Love" in Düsseldorf nach 13-jähriger Eurovision-Abstinenz seines Heimatlandes den zweiten Platz für Italien holte, ist der Stiefel wieder ein ernstzunehmender ESC-Kandidat. Und wer weiß, vielleicht schafft in diesem Jahr die Diva, was der Pianist nur knapp verfehlte?

Zeljko Joksimovic "Nije Ljubav Stvar" (Serbien): Ein Underdog ist er mit Sicherheit nicht. Der Serbe Zeljko Joksimovic gilt offiziell als Favorit. Ein Routinier ist der 40-Jährige in jedem Fall. 2004 belegte er beim Eurovision Song Contest bereits den zweiten Platz und komponierte anderen ESC-Künstlern Hits auf den Leib. 2008 moderierte er den ESC in seiner Heimatstadt Belgrad. Mit seiner schwermütigen Ballade "Nije Ljubav Stvar" könnte der Singer/Songwriter durchaus ein Kandidat für den Sieg sein.

Rambo Amadeus "Euro Neuro" (Montenegro): Krude Männlichkeit statt polierter Weiblichkeit gibt's auch aus Montenegro. Rambo Amadeus, ja, der Mann puzzelte tatsächlich John Rambo und Mozart zusammen, ist vielleicht nichts fürs Auge, die Performance des montenegrischen Comedians dürfte hingegen hängen bleiben. Seine sperrige Nummer "Euro Neuro" ist mehr Satire denn massentaugliches Gedudel. Ob sein augenzwinkernder Abgesang auf die europäische Finanzkrise Chancen auf den Sieg hat, bleibt fraglich. Format hat er in jedem Fall.

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Max Jason Mai "Don't Close Your Eyes" (Slowakei): Recht formbewusst ist auch dieser ESC-Anwärter. Calvin Klein hätte sicher seine Freude an dem Slovaken Max Jason Mai, der eigentlich Miroslav Šmajda heißt und vor seiner ESC-Mission noch recht schmächtig daherkam. Also verordnete man ihm Endlos-Einheiten in der Muckibude und entließ ihn rundum erneuert gen Baku. Anschmiegsam ist dieser Adonis jedoch nicht. Passend zum gestählten Körper präsentiert sich Mai immerhin in selbst komponierter Metal-Manier. Ob das harte Zeug mehrheitlich ankommt? Zur Not hilft es sicher, ab und an das Sixpack blitzen zu lassen.

Jedward "Waterline" (Irland): Nein, es ist kein Deja-Vu. Die Zappel-Zwillinge durften bereits in Düsseldorf über die Bühne hechten. Und ja, sie werden es auch in Baku tun. 2011 landeten Jedward mit ihrem Hit "Lipstick" noch vor Deutschland auf dem achten Platz. Grund genug für die hektischen Brüder mit dem eigenwilligen Styling, es noch einmal zu probieren. Viel verändert hat sich jedoch nicht beim irischen Duo: Auch "Waterline" animiert mit eingängigem Beat zu unkontrolliertem Umhergehoppel.

Buranowski Babuschki "Party For Everybody" (Russland): Dass man auch mit einer etwas subtileren Bühnenperformance die Massen begeistert, beweisen diese sechs zugegeben nicht mehr ganz so agilen Damen aus der udmurtischen Pampa. Synchronität wird bei den Buranowski Babuschki überbewertet. Stattdessen fordern die Großmütterchen im Matroschka-Look mit zaghaftem, aber fröhlichem Hin- und Hergewippe "Party For Everybody" und freuen sich dabei so herzlich, dass man ihnen den Sieg glatt gönnen würde. Die reizenden Ü-70-Partygirls sind in jedem Fall eine willkommene Abwechslung zu den vielen kaum bekleideten ESC-Häschen.

Engelbert Humperdinck "Love Will Set You Free" (Großbritannien): Doch nicht nur Russland, auch das Vereinte Königreich setzt auf Altersweisheit und Reife und grub für den ESC einen fast Vergessenen wieder aus. Mit "Love Will Set You Free" erlebt Schlagerbarde Engelbert Humperdinck ("Please, Release Me", 1966), nunmehr 75 Jahre alt, ein spätes Revival. Verstecken muss sich der einstige Schnulzenmeister mit frisch gefärbter Fönwelle allerdings nicht vor der jungen Konkurrenz. Seine rührselige Gitarren-Ballade ist durchaus konkurrenzfähig.

Valentina Monetta "The Social Network Song" (San Marino): Da bewies einer Durchhaltevermögen. ESC-Veteran Ralph Siegel bewarb sich insgesamt bei acht Ländern mit seinen Kompositionen. Allein der Zwergenstaat San Marino erbarmte sich. Sängerin Valentina Monetta interpretiert Siegels etwas dröge geratene und bemüht jugendliche Ode an das Web 2.0 und beschert dem erfahrenen Songwriter seine 20. Eurovision-Teilnahme. Ohne Querelen ging es jedoch nicht. Ursprünglich titelte "The Social Network Song" nämlich "The Facebook Song". Die Veranstalter protestierten jedoch ob des allzu plakativen Werbemanövers. Stattdessen wedelt die 37-jährige Monetta nun im Video zur Single fleißig mit Mac und iPhone während sie lolitagleich zum Cyber-Sex einlädt.

Trackshittaz "Woki mit deim Popo" (Österreich): Etwas konkreter halten es da die Jungs aus Österreich. Schlicht "Woki mit deim Popo" titelt der Track, den das blutjunge Duo aus Oberösterreich selbst in die Genre-Schublade "Traktor Gangster Party Rap" stecken. Sensibles oder gar Feinsinniges darf man also nicht erwarten, wenn die beiden Halbstarken forsch das weibliche Gesäß anschmachten. Einen Trumpf haben Lukas Plöchl und Manuel Hoffelner dann aber doch im Ärmel: Das internationale Publikum versteht zwar sicher kein derbes Wort, die neondurchwirkten engen Anzüge der Tänzerinnen sprechen aber für sich.

Soluna Samay "Should've Known Better" (Dänemark): Nahezu bieder wirkt dagegen die Aufmachung der Dänin Soluna Samay. Und die Mischung aus Troubadur und Zirkuskünstlerin kommt nicht von ungefähr. Die hübsche Tochter des fahrenden Straßenkünstlers Gee Gee Kettel reiste in ihrer Kindheit um die halbe Welt. Mit ihrer eingängigen Pop-Nummer "Should've Known Better" könnte die 22-Jährige den Überraschungshit des ESC-Abends landen.

Joan Franka "You And Me" (Niederlande): Das könnte aber auch den Nachbarn gelingen. Die Niederlande setzen auf Frische, Folklore und Federn. Mit ihrem gut gelaunten Country-Song "You And Me" besingt Joan Franka eine unschuldige Sandkastenliebe und inszeniert sich dabei als Squaw mit Steel-Gitarre. Der Song geht definitiv ins Ohr, den Häuptlingsschmuck sollte die 22-Jährige mit den türkischen Wurzeln indes noch einmal überdenken.

Katharina Raab

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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