Musik / Backstage

"Ich finde diese Zeit manchmal beängstigend"

Madsen veröffentlichen "Wo es beginnt"

Vor zwei Jahren hatte Madsen-Frontmann Sebastian Madsen (31) einen schweren Unfall. Bei einem Video-Dreh stürzte der an einem Seil hängende Sänger und Gitarrist aus fünf Metern Höhe auf harten Beton. Auf dem neuen Album "Wo es beginnt" des Indie-Rock-Quartetts aus dem niedersächsischen Wendland singt Sebastian nun über den bangen Moment nach dem Fall und die Hoffnung, dass alles gut ausgeht. Ein Gespräch mit ihm und seinem Bruder, Madsen-Gitarrist Johannes (33), über ihre Art, mit Ängsten - auch denen ihrer Generation - umzugehen.

teleschau: Wann und wovor hatten Sie zuletzt Angst?

Sebastian Madsen: Richtig Schiss hatte ich unmittelbar nach meinem Unfall. Als ich da unten auf dem Betonboden lag, hatte ich zum ersten Mal wirklich Angst um mein Leben. Ich durfte meinen Kopf nicht bewegen, habe aber neben mir das Blut gesehen. Ich dachte, es kann sein, dass ich jetzt querschnittsgelähmt bin. Ein Gefühl, das ich nie wieder haben will.

Johannes Madsen: Bei mir war es auch genau dieser Moment.

teleschau: Was ging Ihnen in diesem Moment denn noch durch den Kopf?

mehr Bilder

Johannes Madsen: Tierisch viele Dinge. Da war diese riesige Blutlache und der Gedanke, Sebastian könnte behindert sein. Ich hatte sogar Angst, er könnte sterben.

Sebastian Madsen: Bei mir kam die Angst etwas versetzt. Ich dachte erst mal an einen schlechten Scherz, als ich da runter fiel. Ich dachte, im letzten Moment wird schon jemand dieses Seil stoppen. Und dann hat sich die Angst der anderen auch ein bisschen auf mich übertragen. Ich habe immer dieses "Alles ist gut!" und "Bleib wach!" gehört und brauchte irgendwas Vertrautes.

teleschau: Was genau?

Sebastian Madsen: Einen Beatles-Song! Die Jungs haben für mich einen Beatles-Song gesungen: "Hey Jude". An den Beatles habe ich mich schon immer festgehalten. Die haben mir oft in den richtigen Momenten geholfen, und war es nur, wenn ich mal einen zu viel gesoffen hatte, im Bett lag und nicht mehr wusste, wo ich bin. Dann dachte ich immer: Erst mal die Beatles hören, diese vertrauten Stimmen und Songs, das wird helfen. Oder damals, vor den Abi-Prüfungen, als ich nervös war: Beatles hören!

teleschau: Kann die Musik der Beatles Sie auch körperlich entspannen?

Sebastian Madsen: Ja. Generell würde ich unterstreichen, dass Musik so was kann. Der richtige Song kann die Migräne vertreiben, die man schon seit Tagen mit sich herumschleppt.

Johannes Madsen: ... oder die Bauchschmerzen. Körperliches Unwohlsein ist ja oft psychisch bedingt, und wenn bestimmte Musik psychisch etwas auslöst, kann sich das auch auf den Körper übertragen.

teleschau: Nachdem Sie Ihren Bruder beruhigt hatten: Wie ging es weiter?

Johannes Madsen: Mit Blaulicht ins Krankenhaus. Ich fuhr mit dem Auto hinterher, immer noch mit großer Angst, wir alle waren sehr ängstlich. Bis es diesen Moment gab, nachts in der Notaufnahme, als klar war: Sebastian ist nicht querschnittsgelähmt, es wird alles wieder gut.

teleschau: Wurde aus der Angst dann womöglich eine Art Glücksgefühl?

Johannes Madsen: Sebastian wurde durch die Nachricht geradezu in Euphorie versetzt. Er konnte schon wieder lachen und Scherze machen.

teleschau: Scherze?

Johannes Madsen: Ja, er sagte zum Beispiel zu den Schwestern: "So, ich würde dann jetzt gerne 'Germany's Next Topmodel' gucken!".

Sebastian Madsen: Ja, aber die hatten mir auch irgendwas gegeben, was alles etwas angenehmer machte (lacht).

teleschau: Auf Ihrem neuen Album ist nun das Thema Angst auch sehr präsent. Nicht nur wird Sebastians Unfall thematisiert, auch geht es um die Angst vor der Zukunft. Sie beschreiben Ihre Generation als koksende Medienstudenten aus Prenzlauer Berg, als perspektivlos und vor allem: als ängstlich. Was haben Sie persönlich mit dieser Generation gemein?

Sebastian Madsen: Einiges! Ich würde niemals mit dem Finger auf jemanden zeigen und den Lehrmeister spielen. Ich zähle mich ganz bewusst mit dazu. Gerade in der ersten Strophe dieses Songs singe ich ja auch von mir und meinem Werdegang: "Jugendzentrum, Pickel-Face, 'Wonderwall' und 'Purple Haze'." Das sind genau meine Dinger. Danach schweife ich allerdings auch ein bisschen ab. Grundsätzlich geht es mir darum aufzuzeigen, dass die Bodenständigkeit dieser Generation ein wenig verloren geht.

teleschau: Was genau meinen Sie?

Sebastian Madsen: Es gibt viel zu wenig Autoschrauber und Bäcker und viel zu viele Leute, die Webseiten für die Autoschrauber und Bäcker machen. Ich glaube, so ein 9-to-5-Job ist manchmal gar nicht so verkehrt, um sein Leben in den Bahnen zu halten und auch, um mit seinen Ängsten richtig umzugehen. In unserer Generation werden Ängste ja oft durch Coolness überspielt. Da werden dann die Nächte durchgetanzt, weil man ja ohnehin lange pennen kann und erst mittags irgendwas am Rechner machen muss.

Johannes Madsen: Ich finde außerdem, dass Ängste ganz normal und auch wichtig sind. Jeder braucht Ängste. Wenn jemand überhaupt keine Angst hat - das kann nicht gut gehen.

teleschau: Welche Ängste begleiten Sie denn derzeit? Vielleicht sogar eine Angst vor dieser Zeit?

Sebastian Madsen: Ich finde diese Zeit manchmal beängstigend. Und traurig. Ich meine: Die Feindbilder unserer Eltern waren viel klarer definiert, allgemein gab es damals einen viel größeren Willen, sich für oder gegen Dinge einzusetzen. Das alles ist irgendwie eingeschlafen. Heute geht es einfach zu viel um die angesprochene Coolness.

teleschau: In Songs wie "Lass es raus" rufen Sie dazu auf, gegen bestimmte Dinge anzugehen. Wie viel Verweigerungshaltung steckt denn noch in Ihnen selbst?

Sebastian Madsen: Die Verweigerungshaltung ist ja etwas, das in der Jugend verwurzelt ist - und jünger werden wir alle nicht. Ich glaube aber, dass wir unsere Verweigerungshaltung jetzt wieder mehr für uns entdeckt haben. Wir haben jetzt ja auch wieder etwas mehr zu erzählen als auf dem letzten Album. Es geht um einiges persönlicher zu.

Johannes Madsen: Man sollte sich auf jeden Fall ab und zu fragen, ob man zufrieden ist und sich bewusst machen, was einen stört. Ich zum Beispiel fühle mich oft sehr gelenkt, will und kann aber gar nicht alle Sachen mitmachen. Wenn man das realisiert, kann man sie auch verweigern.

Sebastian Madsen: Hier sitzen zum Beispiel zwei Leute, die nicht bei Facebook sind. (lacht)

teleschau: Ist diese Verweigerung auch ein Festhalten an den Prinzipien Ihrer Jugend - und an der Jugend an sich?

Sebastian Madsen: Es ist auf keinen Fall Nostalgie! Eher Berufung. Wir machen das alles auch wieder mit einer unglaublichen Freude, und die ist vom Alter völlig unabhängig. Die Scorpions machen's ja auch noch! (lacht)

Madsen auf Deutschland-Tournee:

08.09., München, NRJ in the Park

04.10., Münster, Skaters Palace

05.10., Erfurt, Stadtgarten

06.10., Mannheim, Maimarkt Club

08.10., Köln, E-Werk

09.10., Stuttgart, Theaterhaus

11.10., München, Backstage

13.10., Dresden, Schlachthof

15.10., Berlin, Astra

Erik Brandt-Höge

Quelle: "teleschau - der mediendienst"


Versenden Drucken

Weitere Artikel


Aktuelle Playlist

22:55:52
AERZTE
M&F

CD-Archiv

CD-Archiv

Suchen Sie in der Radio Bonn/Rhein-Sieg - CD-Datenbank nach Interpreten und/oder CD-Titeln.


CALVIN HARRIS F. ELLIE GOULDING - I NEED YOUR LOVE
Anzeige
Zur Startseite