Musik / Backstage

Britpop? Blurpop!

Blur veröffentlichen ihr Gesamtwerk im Boxset "21"

"Woo-Hoo!": Natürlich könnte man die Geschichte von Blur auf diesen einen Schlachtruf verkürzen. Auf "Song 2", ihren bekanntesten Hit, diesen modernen Zwei-Minuten-Gitarrenrock-Evergreen, der in einer Reihe mit Nirvanas "Smells Like Teen Spirit" und "Seven Nation Army" von den White Stripes steht. Oder noch mal die Story des "Battle Of Britpop" erzählen, vom medialen Hype im Jahr 1995 berichten, in dessen Zug Blur zu den ewigen Kontrahenten von Oasis hochstilisiert wurden. Wer nur an diesen oft durchgekauten Geschichten interessiert ist, ist wahrscheinlich mit der Kurz-Zusammenfassung, ihrem Best-Of, gut bedient. Das Boxset "21" hingegen leuchtet noch die letzten Winkel der Blur-Historie aus - und erzählt von der Entwicklung einer der wichtigsten Pop-Bands der letzten 20 Jahre.

Die Werkschau beeindruckt schon alleine aufgrund ihres Umfangs: Der mit blauem Leinen umhüllte Blur-Kubus enthält alle sieben Studioalben der Band als Doppel-CD (der zweite Silberling jeweils gespickt mit Single-B-Seiten, Live-Sessions und mehr). Dazu kommen zwei Doppel-CDs mit größtenteils nie zuvor erhältlichen Raritäten (Demos, alternative Versionen und Mixe), drei DVDs mit unveröffentlichten Live-Mitschnitten (darunter die beiden kompletten Shows "Showtime" 1994, "The Singles Night - Live At Wembley Arena" 1999). Abgerundet wird das Ganze durch ein Buch mit ausführlichen Liner Notes und kompletter Diskografie sowie Interviews mit allen vier Bandmitgliedern und raren Fotos.

Mit einem weiteren Gimmick der Box beginnt die Geschichte der Band: Eine Vinyl-7"-Single enthält eine Live-Version von "Superman", eingespielt Ende 1989, als Sänger Damon Albarn, Gitarrist Graham Coxon, Bassist Alex James und Drummer Dave Rowntree noch unter dem Namen Seymour firmierten. Weitere frühe Demos dieser Phase (unter anderem das schwer erhältliche "Sing (To) Me", das später als "Sing" auf dem "Trainspotting"-Soundtrack zu finden sein sollte) lassen sich auf der ersten Raritäten-CD entdecken. Dass die - auf Vorschlag ihrer Plattenfirma in Blur umbenannte - Band nach Höherem strebte, davon erzählt der Rest dieser Box.

Denn nach ersten Erfolgen im musikalischen Fahrwasser der abklingenden Madchester-Rave-Bewegung ("There's No Other Way", ihr erster Top-Ten-Hit 1991), ihrer früh erkennbaren Liebe zu (psychedelischer) Pop- und Rockmusik der 60er-Jahre (Velvet Underground, Syd Barrett, Kinks), trieb Albarn die Weiterentwicklung der Band voran. Andy Partridge von den New-Wave-Pop-Vordenkern XTC sollte "Modern Life Is Rubbish" (1993) produzieren, drei Demos auf Raritäten-CD zwei künden davon. Aus der Zusammenarbeit wurde nichts - und dennoch: Albarns satirischer Blick auf die britische Gesellschaft ("Sunday Sunday") schärfte sich, Blur entwickelten ihren eigenen Sound - und gaben mit Singles wie "Popscene" und "For Tomorrow" das Startsignal für die kommende Britpop-Bewegung.

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Und lieferten mit "Parklife" (1994) schon dessen ultimatives Statement ab - vier Monate, bevor Oasis überhaupt ihr Debüt veröffentlichten. Blur wurden - mit vier Top-20-Singles - zu einem nationalen Phänomen, dem sogar britische Legenden (die Pet Shop Boys mit einem Remix von "Girls And Boys", "Quadrophenia"-Schauspieler und Mod-Ikone Phil Daniels als Erzähler von "Parklife") ihren Tribut zollten. Fünf aufrechte Lad-Rocker aus Manchester gegen vier clevere Mittelklasse-Ex-Kunststudenten: Der "Battle Of Britpop" war von Anfang an und in jeder Hinsicht ein ungleiches Duell. Die Schlacht gewann "Country House" (das Buch erinnert an das grandiose Single-Cover: ein Bild von Schloss Neuschwanstein mit dem Aufdruck "Blur's Country House") bei der zeitgleichen Veröffentlichung gegen "Roll With It" von Oasis. Jene wiederum gingen aus dem heraufbeschworenen "Krieg" als Sieger hervor: Gegen das meisterliche "(What's The Story) Morning Glory?" hatte Blurs "The Great Escape" (1995) einen schweren Stand.

Doch Blur wollten mehr als ein Britpop-Phänomen sein - oder eher sogar weniger. Auf Drängen von Coxon wurde der schlicht "Blur" (1997) betitelte Nachfolger ein unkommerzielleres, raueres, teilweise krachiges Gitarrenrock-Album - inspiriert von der Liebe des Gitarristen zu US-Indie-Bands wie Pavement. Dass die zweite Single "Song 2" - durch den Einsatz in Werbung, Fernsehen und in Soundtracks - ein Welthit wurde, war wohl Ironie des Schicksals. Mit "13" (1999) gingen die Vermeidungsstrategien dann aber auf: Gospel ("Tender"), Drum'n'Bass-/Elektro-Rock ("Battle"), melancholischer Akustik-Krautrock ("Trimm Trabb") - der "Cool Britannia"-Sticker, der auf dem Gipfel der Britpop-Ära Blurs Alben zierte, blieb an "13" nicht mehr kleben. Und weitere Vergleiche und Einordnungen ebenso wenig. Die gesamte Band experimentierte - wie auch die Remix-B-Seiten aller vier Bandmitglieder zeigen.

Eine makellose Geschichte und Diskografie? Mit "Think Tank" (2003) wird auch von einem Scheitern erzählt. Graham Coxon verließ zu Beginn der Albumaufnahmen die Band - man trennte sich angeblich im gegenseitigen Einverständnis. So wurde Blurs siebtes, bislang letztes Studioalbum vor allem Albarns Album: Seine später in zahlreichen Soloprojekten ausgelebte Liebe zu afrikanischen und orientalischen Rhythmen und elektronischen Hilfsmitteln wurde überdeutlich. Unter der völligen Loslösung von Blurs Gitarrenrock-Aspekten litt das Album jedoch deutlich.

Was bleibt also von Blur? Glücklicherweise nicht jener zerstrittene, zerfahrene Eindruck. Die gesamte Band fand 2009 für Reunion-Konzerte wieder zusammen, vor Kurzem erschienen sogar zwei neue Tracks: "Under The Westway" ist als Bonustrack Teil der letzten Raritäten-CD von "21". Am 12. August dann ein weiterer Höhepunkt in der Band-Geschichte: Blur sind Headliner des "Best Of British"-Konzertes im Londoner Hyde Park, das das Ende der Olympischen Spiele markiert. Auch der Schlusspunkt für Blur? Gemeinsam mit der Veröffentlichung des Boxsets wäre es ein würdiges Ende für die wichtigste britische Popband der letzten 20 Jahre.

Stefan Weber

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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