Musik / Backstage

Das klingt doch alles gleich!

Studie: Musik wird immer lauter und langweiliger

"Mach diesen Krach endlich leiser!" - Die Diskussion um die Lautstärke von Musik aus dem Kinder- und Jugendzimmer ist seit mehreren Generationen eine end- und fruchtlose. Aber, so wie es scheint, keine Ermahnung, die jeglicher Grundlage entbehrt. Denn es gibt eine Neuigkeit, die lärmgeplagte Eltern in ihrer Wahrnehmung bestätigen dürfte: Musik wird immer lauter und langweiliger. Das stellte ein spanisches Wissenschaftlerteam in einer Studie fest, die Forscher analysierten und verglichen über eine halbe Million Songs, die zwischen 1955 und 2010 veröffentlicht wurden. Dabei wurden sämtliche Genres unter die Lupe genommen - angefangen von Pop- und Rockmusik über HipHop und Elektro bis hin zu Heavy Metal. Das Ergebnis der Untersuchung: Die Aufnahme-Lautstärke nahm über die Jahre immer mehr zu. Und dadurch leidet tatsächlich die Vielfalt an Melodien und Akkorden, die parallel dazu abnahm. Moderne Musik - nur Klangbrei und Krach also?

Joan Serrà, Herausgeber der Studie und Mitglied im spanischen Nationalen Forschungsrat, hat sich die letzten 50 Jahre Musik genau angehört. Die einzelnen Songs wurden komplett in ihre Bestandteile zerlegt und durch eine aufwendige Computer-Software geschickt. "Vieles deutet auf einen bedeutenden Anteil von Schablonenhaftigkeit bei der Entwicklung und Produktion zeitgenössischer westlicher populärer Musik hin", heißt es im Forschungsbericht, den das Team im Online-Wissenschaftsmagazin "Scientific Report" veröffentlichte. Das bedeutet im Klartext: Das Ohr wird durch Musik konstant mit einem lauten Vollpegel beschallt, aufgrund der Lautstärke sind weniger Variationen möglich.

Dass die Musik lauter geworden ist, dürfte auch Musikhörern ohne wissenschaftlichem Ansatz aufgefallen sein. Dieses auch "loudness war" genannte Phänomen soll laut der spanischen Studie bereits ab 1965 losgegangen sein. Um Lieder lauter wirken zu lassen, schrauben Produzenten und Mischer an der Dynamik. Alle lauten Töne werden zu allererst leiser gemacht und auf ein Level mit den schon leisen Tönen gebracht. Danach werden alle Töne gemeinsam auf die maximale Lautstärke nach oben gepegelt, sodass keine erkennbaren Varianzen innerhalb der komprimierten "Soundwurst" (in einer grafischen Darstellung von Songs ist nur ein einziger gerader Block ohne Ausschläge zu erkennen) mehr existieren.

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Doch bevor alle Kulturpessimisten, Sound-Nostalgiker und genervte Eltern rufen, sie hätten es schon immer gewusst, sei auf eine weitere Forschung hingewiesen: Eine Studie der Freien Universität Berlin erklärte im Juni, dass zeitgenössische Musik eben doch vielschichtiger, aber auch trauriger geworden sei. Die Berliner Wissenschaftler verglichen zu diesem Zweck zwar nur rund 1.000 Lieder zwischen 1965 und 2009 miteinander, konnten aber feststellen, dass sich die Anzahl melancholischer Lieder in dieser Zeit verdoppelt hat. Die Musik habe sich demnach von der eher fröhlicher wahrgenommenen Dur-Tonart hin zu mehr Moll-Akkorden entwickelt.

Ist die moderne Musik nun wirklich einfallsloser geworden? So vereinfacht lässt sich das wohl kaum sagen. Zudem gilt: Musikgeschmack ist und bleibt eine subjektive Angelegenheit - egal wie wissenschaftlich man an das Thema herangeht. Und was die Lautstärke betrifft: Zu einem gewissen Teil kann man jene natürlich selbst beeinflussen - und den Regler einfach runterdrehen.

Ben Hiltrop

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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