Auf "Flavors Of Entanglement" verarbeitete Alanis Morissette 2008 noch ihre Trennung von Schauspieler Ryan Reynolds, ein "kathartisches" Album, wie der kanadische Superstar damals erklärte. Seitdem ist viel passiert: Vor zwei Jahren ehelichte die Sängerin den Rapper Souleye, alias Mario Treadway. Wenig später wurde Alanis Morissette Mutter ihres Sohnes Ever. Jetzt legt die 38-Jährige das postnatale Album "Havoc And Bright Lights" vor - und erzählt im Interview von ihrem Leben zwischen Songwriting und Schnuller.
teleschau: Sie haben wegen Ihres Sohnes zu Hause gearbeitet, die erste Etage Ihrer Villa zum Studio umgebaut und dort die neuen Songs aufgenommen. Wie war die Heimarbeit?
Alanis Morissette: Ob im Studio oder zu Hause, das war kein großer Unterschied für mich. Wir bauten die Instrumente, Mikros und Geräte auf und legten los. Wenn mein Mann an der Tür klopfte, setzte ich mir bildlich gesprochen den "Mama-Hut" auf, zurück im Studio dann wieder meine "Musiker-Mütze". Wir arbeiteten zum Glück sehr schnell. Kein Song dauerte länger als 40 Minuten.
teleschau: Mit "wir" meinen Sie Top-Produzent Guy Sigsworth, der auch mit Madonna und Björk zusammengearbeitet hat. Wie lief die Zusammenarbeit zwischen Ihnen?
Morissette: Es gibt für mich zwei Wege. Der erste ist, dass ich eine Textzeile in meinem Tagebuch finde, und damit anfange. Guy erarbeitet dann daraus einen Track am Computer. Der zweite ist: Ich spiele Klavier. Es gab auch einige Ideen, bei denen ich Gitarre spielte. Auch dort hilft mir Guy, daraus einen Song zu machen. Er ist ein Genie!
teleschau: In den 90er-Jahren spielten Sie wütenden Grunge-Rock. Jetzt werden Sie bald 40, sind verheiratet und Mutter. Hat das Ihre Betrachtungsweise in Bezug auf Musik verändert?
Morissette: Meine Leidenschaft ist noch immer die gleiche. Auch mein Verlangen zu rocken! Der Unterschied zwischen 19 und 38 liegt darin, etwas weniger Wut zu verspüren. Heute kanalisiere ich meinen Zorn besser, bin wesentlich kommunikativer und spreche die Menschen bei Problemen direkt an, was ich mich früher nicht traute. Ich wirkte auf der Bühne sehr couragiert - im täglichen Leben war ich nicht ganz so mutig.
teleschau: "Guardian" schrieben Sie für Ihren Sohn. Klingt, als wollten Sie sein Schutzengel sein.
Morissette: Im Refrain heißt es, dass ich beides schützen möchte, seine Sicherheit und seine Freiheit. Das ist aus Sicht einer Mutter die ideale Kombination. Ich bin schon immer ein sehr mütterlicher Typ. Ich bin sehr beschützend, ob das andere Künstler, Underdogs oder sensible Menschen sind. Es heißt, 20 Prozent aller Menschen, Tiere und Pflanzen auf diesem Planeten sind sehr empfindsame Gemüter. Ich gehöre dazu. Und ich erlebe das auch immer wieder bei meinem Publikum, das sehr sensibel, sehr nachdenklich ist.
teleschau: "Havoc And Bright Lights" bedeutet frei interpretiert so viel wie Chaos und Zuversicht. Dabei müsste Ihr Promileben doch ruhig, geordnet und glücklich sein.
Morissette: Ich bin eben Sternzeichen Zwilling! (lacht) Aber ernsthaft: Ich bin seit jeher von der Philosophie der Ganzheitlichkeit fasziniert. Es geht nicht nur darum gut, aufrichtig oder wahrhaftig zu sein, falls es so etwas wie objektive Wahrheit überhaupt gibt. Es geht darum, beide Seiten zu erkennen. Ich mag sowohl die Dunkelheit als auch Licht, ich habe dafür auch Platz in mir selbst. Ich lasse Wut und Frustration zu, aber auch Freude und Frieden. Was auf der spirituellen Ebene darunter liegt, ist unsere angeborene Unschuld und die Lebensfreude, die wir alle in uns tragen. Auf der menschlichen Ebene aber bin ich für alle Emotionen offen. Das versuche ich auszudrücken. Für mich sind Songwriting und Storytelling immer Ausdruck meiner ganz eigenen, persönlichen Sichtweise. Auch wenn ich mich manchmal selbst zu Tränen langweile! (lacht)
teleschau: "Celebrity" dreht sich um die Phänomene des Starruhms, am Beispiel stumpfsinniger TV-Serien über Menschen, die nichts können, nichts Außergewöhnliches geleistet und nichts Besonderes an sich haben - außer reich zu sein.
Morissette: Der Grund, dass so etwas im Fernsehen läuft, liegt vermutlich darin, dass wir am liebsten immerzu 21 sein wollen, hübsch, reich und berühmt. Das scheinen zumindest die gegenwärtig erstrebenswerten Werte unserer westlichen Gesellschaftsysteme zu sein. Als ich 21 war und das Musikbusiness gerade kennengelernt hatte, war ich auch ein bisschen hohl, um ganz ehrlich zu sein. Damals fand ich es aufregend und toll, berühmt zu sein, viele neue Freunde zu haben. Ich glaubte das eine Weile lang.
teleschau: Und dann?
Morissette: Dann begann ich meinen Erfolg zu nutzen, um nützliche, sinnvolle Dinge zu anzuschieben, etwa hilfsbedürftige Menschen glücklich zu machen, mich um bessere Schulbildung zu kümmern und andere Dinge. Helfen kann ich in der Form nur, weil ich berühmt bin. Meinen Ruhm nutze ich mittlerweile als Mittel zum Zweck. Aber ich sehe in den USA leider eine zunehmende Gier nach Ruhm und Geld. Das verstärkt nur Selbstbetrug und Selbstzweifel.
teleschau: Denken Sie an jemand Bestimmtes?
Morissette: Ich will jetzt keine Namen nennen und eine Schlammschlacht in der Presse lostreten. Denn auch ich mag Verführungen, ich bin schließlich eine Frau! Ich mag schöne Schuhe, schöne Kleider, all das, was uns Frauen Spaß macht. Aber ich erkenne auch die Leere, die dahinter steht. Wenn ich abends vor dem Spiegel stehe und mir die Zähne putze, ist mein Ruhm überhaupt nicht präsent.
teleschau: Waren Sie schon mal an dem Punkt, an dem Sie die Nase voll davon hatten, berühmt zu sein?
Morissette: Ja, nach "Jagged Little Pill". Ich beobachte gerne Menschen, ich kann stundenlang auf einer Parkbank sitzen und Menschen zuschauen. Aber plötzlich waren alle Augen auf mich gerichtet! Das war mir zu viel. Ich wollte am liebsten abhauen! Ich zog mich zurück und lernte, mit dem Ruhm umzugehen. Ich fühle mich heute nicht mehr so am Ertrinken.
teleschau: Immerhin verfolgen Sie seit der Geburt Ihres Sohnes Ever wieder Paparazzi ...
Morissette: Ja, leider. Natürlich versuche ich, mein Kind bestmöglich zu schützen. Und es ist superschwierig, weil ich manchmal auch einfach nur in Jogginghose aus dem Haus gehen will! (lacht) Inzwischen bin ich es gewohnt eine Sonnenbrille aufzusetzen und dass mir diese Leute eben folgen.
teleschau: Wie bekommen Sie Karriere und Familienleben geregelt?
Morissette: Ich habe eine ganz raffinierte, neue Strategie gefunden: Ich habe eine Zauberflüssigkeit namens Kaffee entdeckt. Früher trank ich nie Kaffee, weil ich Panikattacken davon bekam. Aber inzwischen genieße ich Kaffee. Ansonsten nehme ich mir einfach die Zeit - für meinen Sohn, meinen Mann und meinen Job. Am wenigsten Zeit habe ich für mich. Aber morgens um Vier finde ich dann Zeit, um zehn Minuten zu lesen! (lacht)
Stefan Woldach




