Musik / Backstage

Go West!

Die Pet Shop Boys veröffentlichen "Elysium"

Seit über 30 Jahren bilden Sänger Neil Tennant (58) und Keyboarder Chris Lowe (52) die Pet Shop Boys, schrieben Hits wie "West End Girls", "It's A Sin" oder "Go West", verkauften weltweit über 100 Millionen Tonträger: Sie sind Ikonen der britischen Popmusik. Und als solche ließen es sich die beiden auch nicht nehmen, ihren Kultstatus kürzlich eindrucksvoll zu untermauern: Sie hatten einen kurzen, aber viel beachteten und gefeierten Auftritt bei der Schlussfeier der Olympischen Spiele in London. Eine Überraschung, die Tennant und Lowe einige Tage zuvor beim Interview zu ihrem, in Los Angeles entstandenen, neuen Album "Elysium" (VÖ: 07.09.) wohl noch nicht verraten wollen. Dafür überraschen die beiden charmanten und vor Witz sprühenden Pop-Gentleman im Gespräch mit ihrer Leidenschaft für Sport, ihrer Kenntnis von deutschen B-Promis und ihrer kritischen Haltung zu moderner Popmusik.

teleschau: "West End Girls" lief während des Einmarsches der Athleten bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele. Sind das Momente, die Sie stolz machen?

Tennant: Es ist ein gutes Gefühl. Natürlich ist es aufregend, wenn man weiß, dass Milliarden von Menschen zusehen. Und außerdem: Wir liefen gerade, als die Chinesen ins Stadion kamen, immerhin das bevölkerungsreichste Land der Erde ... (lacht) Was wirklich nett war: Mein Telefon blinkte die ganze Zeit auf - ich bekam dauernd Textnachrichten!

teleschau: Treiben Sie selbst Sport?

Tennant: Zählt Laufen dazu? Ja? Sehr gut. Und ich gehe schwimmen. Demnach mache ich zwei olympische Sportarten - und das regelmäßig.

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Lowe: Wobei eine Menge Sportarten sind ja nicht mal olympisch - Darts, Snooker, Schach ...

Tennant: Schach? Seit wann ist denn ein Spiel eine Sportart? Dann kann man sich ja auch fragen, warum es nicht Monopoly bei Olympia gibt ... Oder Cluedo. (lacht)

teleschau: Sie nahmen Ihr neues Album in Los Angeles auf. Schwer vorzustellen: Sie beide in kurzen Hosen dort am Strand ...

Tennant: Wirklich nicht?

teleschau: Viele dürften es sich nicht vorstellen können ...

Lowe: Und es ist auch gut, dass sich das keiner vorstellen mag! (lacht)

Tennant: Also ich war auch schon einmal am FKK-Strand! Wobei: Dieses Erlebnis hatte ich, bevor Handykameras erfunden wurden. Heutzutage wäre das nicht mehr möglich.

teleschau: Trotzdem - das Bild bleibt: Sie als blasse englische Pop-Gentleman im glitzernden, lauten, sonnigen Los Angeles - wirkte die Stadt befremdlich auf Sie?

Tennant: Ich erwartete, dass es befremdlich sein würde. Aber in Wirklichkeit war es das gar nicht. Wir waren ja auch schon oft in L.A., allerdings immer nur für ein paar Tage. Und ich bin nie dort herumgefahren, ich besitze erst seit Kurzem einen Führerschein. Wir waren immer in der Nähe des Sunset Boulevard. Folglich beschränkte sich mein Wissen über L.A. auf diese eine Meile. Und Chris war derjenige, der wusste, in welcher Richtung der Strand liegt ... (grinst)

teleschau: Und was war nun anders?

Tennant: Nun, wenn man drei Monate dort lebt, bekommt man schon ein vages Gefühl von Los Angeles. Als Tourist lernt man ja eine Stadt nicht kennen. Das geschieht erst, wenn man dort arbeitet. Wir hatten uns ein Haus gemietet, oberhalb von Beverly Hills. Und jeden Morgen, um meine Übungen zu machen, ging ich spazieren. Denn es war so steil, dass ich nicht hätte laufen können, ohne mich wahrscheinlich dabei zu verletzen. Aber es war interessant, die ganzen Mexikaner zu sehen, die zur Arbeit kamen. Am Ende der Straße bauten sie gerade ein Haus. Eines Morgens, als ich dort spazieren ging, wurden gerade die Bäume geliefert. Und als wir abends wieder dort vorbeikamen, stand da eine Reihe voll ausgewachsener Bäume, ein ganzes Regiment.

teleschau: Haben Sie die Arbeiter darauf angesprochen?

Tennant: Nein, aber eines Tages sagte ich "Hallo!" zu einem Gärtner. Er war ganz verstört, dass ich ihn angesprochen hatte. Irgendwann stellt man dann fest, das alle den gleichen Gärtner, den gleichen Pool-Reiniger haben. Unsere Nachbarn sahen wir nie, dafür aber eben diese Leute. Wir haben die Normalität erlebt - so wie sie dort nun mal eben ist. Eine seltsame Normalität zugebenermaßen.

teleschau: Also haben Sie auch keine Stars getroffen? Oder sind selbst erkannt worden?

Lowe: Nun ja, wir mieden eigentlich alle Orte, an denen man Stars treffen kann.

Tennant: Und wir werden auch nicht unbedingt als bekannte Persönlichkeiten erkannt ... (lacht)

Lowe: Dazu kommt, dass ich wahnsinnig schlecht darin bin, Filmstars zu erkennen.

Tennant: Das geht mir genauso. Und bei TV-Stars bin ich noch schlechter ... Aber ich weiß, wen wir gesehen haben! Das ist sogar für Deutschland von Bedeutung ... diesen Designer!

teleschau: Wissen Sie noch, wie er hieß?

Tennant: Es gab eine Dokumentation über ihn ... eher so ein Kitsch-Typ ...

Lowe: Ich glaube, sein Vorname war Harald ...

teleschau: ... Glööckler?

Lowe: Ja, das war er! Wir haben ihn auf dem Sunset Strip gesehen!

teleschau: In Deutschland gilt er nicht unbedingt als Designer, sondern eher als Gesamtkunstwerk ...

Tennant: Ja, Designer ist in diesem Fall vielleicht ein sehr schmeichelhafter Begriff! (lacht) Er ist aber definitiv eine farbenfrohe Erscheinung!

teleschau: Aber eigentlich passt er perfekt nach Los Angeles, der Hauptstadt der globalen "Celebrity"-Kultur ...

Tennant: Ja, das stimmt. Was man trotz alledem nicht vergessen darf: Los Angeles ist auch ein Ort, an dem diese Kultur hergestellt wird. Es ist eine Stadt, in der wahnsinnig hart gearbeitet wird. Wir merkten das, als wir die Orchestersounds für unser Album in den Capitol Studios einspielten. Man merkt, dass die Stadt eine Filmtradition hat, dass die Orchestermitglieder Erfahrung mit Soundtracks haben. Dort verstehen alle ihre Arbeit, ihr Handwerk.

teleschau: Aber platzen in L.A. nicht auch Träume schneller als anderswo?

Tennant: Absolut. Wenn du auf dem täglichen Weg ins Studio an diesen riesigen Werbeplakaten vorbeikommst, dann merkst du, wie zerbrechlich der Ruhm in dieser Stadt ist. Man erinnert sich, wer da noch vor zehn Jahren hing, Leute, über die heute keiner mehr redet.

Lowe: Wie traurig muss das sein, wenn dein Plakat plötzlich überklebt wird ...

Tennant: Als wir dort waren, gab es dieses riesige rote Plakat für diese neue TV-Serie mit Dustin Hoffman mit Pferden ... "Luck". Der ganze Sunset Strip war damit zugepflastert. Und dann wurde die Serie eingestellt. So etwas passiert dort ständig.

teleschau: Auf "Elysium" nehmen Sie die Oberflächlichkeiten des heutigen Popbetriebs aufs Korn. In "Ego Music" reihen Sie hohle Sätze aneinander, die Künstler gerne in Interviews von sich geben. Haben Sie schon mal selbst eine dieser Phrasen benutzt?

Tennant: Das muss ich wohl. Aber der Punkt ist: Der Song handelt von den Unterschieden zwischen den Generationen. Denken sie an den Text zu "Karma Chameleon" von Culture Club. Damals betrachtete man den Song als fast peinliche, eingängige Popnummer. Und dann schauen Sie sich die Lyrics eines Katy-Perry-Songs an. Das ist eine komplett andere Geisteshaltung! Boy George singt - wie wir inzwischen wissen - über seine Beziehung zu Jon Moss (Drummer von Culture Club, Anm. der Red.). Aber er versteckt es in Metaphern, Illusionen und Poesie. Heutzutage sind die Texte direkter. Da heißt es "I hate you" - und mehr Bedeutung werden sie nicht finden. Aber gut, es sind eben zwei verschiedene Herangehensweisen. Wir finden es eben peinlich, so offensichtlich zu sein und nur nach dem Erfolg zu schielen.

teleschau: Haben Sie das nie getan?

Tennant: Doch natürlich! Aber wir versuchen, nicht darüber zu reden! (lacht) Unsere aktuelle Single "Winner" zum Beispiel, die schrieben wir nicht für die Olympischen Spiele. Aber es wäre aus kommerzieller Sicht absolut verrückt gewesen, sie nicht pünktlich zu deren Beginn zu veröffentlichen. Aber gut, vielleicht ist der Ansatz der jüngeren Generation auch ehrlicher, wer weiß.

teleschau: Aber liegt der Unterschied nicht ohnehin eher darin, dass Boy George diesen Song selbst geschrieben hat, Katy Perry aber professionelle Songwriter engagiert?

Tennant: Nein, denn man darf ja nicht vergessen, dass auch früher, etwa bei Motown, die ganzen Soul-Klassiker von professionellen Songwritern geschrieben wurden. Das würde ich niemals kritisieren. Für moderne Popstars ist die Musik aber nur noch ein Geschäftsbereich - neben Kleidung, Parfüm und der Filmkarriere. Die Spice Girls haben wohl als Erste vorgemacht, wie das funktioniert. Heutzutage gilt Victoria Beckham als angesehene Designerin, und Emma Bunton präsentiert Reise-Sendungen im britischen Fernsehen.

teleschau: Man könnte das ganze Album, auch wegen seines Titels "Elysium", die Insel der Seligen in der griechischen Mythologie, als Reflektion über das Alter verstehen ...

Tennant: Ja, der Himmel, das Leben danach, das schwingt im Titel durchaus mit. Aber auch eine gewisse Schönheit. Und was das Altern in der Popmusik angeht ... das ist ein Widerspruch.

teleschau: Haben Sie damit zu kämpfen? "Your Early Stuff" lässt erahnen, dass viele Menschen auf Sie zukommen und von Ihren frühen Hits schwärmen ...

Tennant: Ja, jede einzelne Zeile des Songs ist ein Satz, den mir Taxifahrer so oder so ähnlich entgegnet haben. Oft erkennen mich Taxifahrer oder denken, sie kennen mich von irgendwoher. Einer sagte tatsächlich mal: "Sie sehen gar nicht schlecht aus - für ihr Alter!" (lacht). Oft kommen aber auch Sätze wie: "Ich dachte, sie hätten sich bereits aufgelöst!". Aber darüber hinaus mag ich die Idee, die hinter dieser Phrase steckt. "Your Early Stuff" ist ja so ein Satz, den Musikkritiker gerne benutzen: "Ja, ich mag ihr frühes Zeug, aber alles, was danach kam, ist ziemlicher Müll!".

teleschau: Die Art von Kritik, mit der sich jede Band, die wie Sie eine Weile im Geschäft ist, herumschlagen muss ...

Tennant: Absolut! Und der Grund dafür ist einfach: Die Menschen mögen das frühe Zeug, weil sie damals jung waren. Ich sage dann oft zu Taxifahrern: "Hören Sie sich denn neue Musik an?" Und sie antworten dann: Nein, ich hör nur Radio!" (lacht)

Stefan Weber

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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