Rein optisch mag man Kostja Ullmann vielleicht für einen von vielen halten. Einen glattpolierten Schönling. Ein Milchgesicht. Rehaugen und sanfte Züge: So stellt man sich einfach keinen Charaktermimen vor. Sein Aussehen handelte Kostja Ullmann schon so manches Angebot aus der Schnulzenecke ein, aber der 27-Jährige will sich nicht hergeben, auch wenn's manchmal schwerfällt. Ein Rebell sei er privat nicht gerade, verrät der Spross einer Schauspielerfamilie. Standhaft ist er dafür allemal in seinem Suchen nach Herausforderung, nach dem Grenzgängigen. Das Wort "extrem" fällt im Gespräch häufig und scheint Ullmanns Kampfansage an sein Image zu umschreiben. Die trägt der Hamburger wiederum so bedacht und doch entspannt vor, dass man nur zu dem Schluss kommen kann: Man soll ein Buch nicht nach dem Einband beurteilen.
teleschau: Junkie, Punk, Rockstar: Für 08/15-Rollen scheinen Sie nicht viel übrigzuhaben. Suchen Sie das Ungewöhnliche?
Kostja Ullmann: Auf jeden Fall! Für mich geht es in erster Linie darum, aus der eigenen Haut herauszuschlüpfen und von einem Extrem ins nächste zu kommen.
teleschau: Grenzen überschreiten ...
Ullmann: Privat bin ich, glaube ich, eher der Ruhige und war nie der große Rebell. Dafür lief wahrscheinlich immer alles zu glatt in meinem Leben. Alles, was unter der Oberfläche brodelt, kann ich vor der Kamera rauslassen. Kleines Beispiel: Ich wollte mir früher immer die Haare bunt färben, durfte das aber nie. Als Punk (in "Das Wunder von Berlin", d. Red.) durfte dann endlich abgeschnitten und gefärbt werden. Ich empfinde es als sehr befriedigend, beruflich das ausleben zu können, was ich sonst nicht tue.
teleschau: Kennen Sie das oft beschriebene Gefühl der Leere, wenn ein Film abgedreht ist?
Ullmann: Auch wenn man nicht so häufig darüber spricht: Das Gefühl, nach einem Film in ein Loch zu fallen, kenne ich auch. In diesen Phasen bin ich besonders froh über meinen Freundeskreis von früher. In Hamburg, wo ich aufgewachsen bin und auch heute noch wohne, haben meine Freunde nichts mit der Branche zu tun. Ich versuche ohnehin, die Schauspielerei nur an mich heranzulassen, wenn ich arbeite. Dann gebe ich natürlich 120 Prozent. Aber ich liebe es auch, abzuschalten und mich gar nicht mit dem Thema Film zu befassen.
teleschau: Man hat den Eindruck, Sie haben sich in Ihrer Karriere sehr früh für das Prinzip "Qualität statt Quantität" entschieden.
Ullmann: Als ich mit elf Jahren begann zu schauspielern, mussten wir allein aus Zeitgründen viele Projekte aussortieren. Das hat mir von Anfang an geholfen, auch "nein" zu sagen.
teleschau: Denken Sie, dass Sie das vor der berüchtigten Schublade bewahrt hat?
Ullmann: Ich denke schon, obwohl das - gerade in Deutschland - unheimlich schnell passieren kann.
teleschau: War es je ein Problem für Sie, dass andere in Ihnen einen bestimmten Typ sehen?
Ullmann: Gerade am Anfang war ich lange der liebe, nette Junge von nebenan. Irgendwann hat es in mir gekribbelt, und ich merkte, dass mir das nicht entspricht.
teleschau: Was war Ihre Strategie?
Ullmann: Es gab eine Phase, die dauerte über ein Jahr, in der ich alles abgelehnt habe. Wenn man eine andere Richtung einschlagen möchte, vergeht oft eine Weile, bis das durchsickert.
teleschau: Kämpfen Sie auch heute noch dagegen an, in eine Schublade gesteckt zu werden?
Ullmann: Man muss schon darauf achten, nicht sechsmal hintereinander dieselbe Rolle zu spielen. Aber grundsätzlich läuft es im Moment wirklich toll. Ich bekomme viele Chancen, es geht von einem Extrem ins andere, und das ist genau das, was ich machen will.
teleschau: Ihre kritische Rollenauswahl hat aber auch eine Kehrseite: lange Dürrephasen.
Ullmann: Diese Pausen sind wirklich schwer. Zwei oder drei Projekte im Jahr bedeuten ziemlich viel Leerlauf. Die Selbstzweifel auszuhalten, die dann zwangsläufig laut werden, ist nicht einfach. Finanziell habe ich nie auf großem Fuß gelebt. Es war mir lieber, auf dem Konto ins Minus zu rutschen, als die erstbeste Rolle anzunehmen.
teleschau: An lukrativen Angeboten dürfte es ja nicht gemangelt haben ...
Ullmann: Auch heute ist das hart, wenn gut bezahlte Angebote kommen, die aber den eigenen Anspruch nicht erfüllen. Da muss ich manchmal schon dreimal überlegen ...
teleschau: Für "Rosamunde Pilcher"-Verfilmungen werden doch immer gutaussehende Leute gesucht.
Ullmann: (lacht) Da wird man zusätzlich zur Bezahlug noch in tolle Landschaften geflogen! Um Gottes willen. Ich habe da zwar überhaupt nichts dagegen, aber ich denke, da würde ich nur das Bild bestätigen, das viele von mir haben. Ich möchte lieber etwas zeigen, etwas beweisen.
teleschau: Was versprechen Sie sich davon?
Ullmann: Ich denke einfach an die Zukunft und hoffe, in diesem Beruf längerfristig bestehen zu können, wenn ich meine Rollen stärker aussortiere. Die Früchte kann ich dann hoffentlich irgendwann ernten. (lacht)
teleschau: Das durften Sie letztes Jahr zum Beispiel mit Ihrer Rolle als Heroin-Junkie Oliver im Familiendrama "Mein eigen Fleisch und Blut". Ein schwerer Stoff ...
Ullmann: Zumal ich selbst aus einer sehr harmonischen Familie komme. Ich habe ein sehr enges Verhältnis zu meinen Eltern, obwohl sie in Spanien leben, und auch zu meiner Schwester, die eigentlich immer mehr meine beste Freundin war.
teleschau: Wie haben Sie sich der Zerrissenheit Olivers im Film angenähert?
Ullmann: Zusammen mit der Regisseurin Vivian Naefe und Veronica (Ferres, d. Red.) haben wir erst einmal ein Rollenprofil erarbeitet. Man versucht, sich die Biografie, das Denken und Fühlen der Figur plausibel zu machen. Erst dann kann ich eine Szene mit Emotion spielen.
teleschau: Auch physisch war die Rolle anspruchsvoll. Sie mussten einen kalten Entzug darstellen.
Ullmann: Am Set hatten wir eine Drogenberaterin, die mir erklärt hat, wie sich das anfühlt und was dabei mit dem Körper passiert. Außerdem habe ich - neben Büchern - Videos im Internet zur Vorbereitung genutzt. Zu sehen, wie schnell Heroin den Körper zerfallen lässt, ging wirklich unter die Haut. Obwohl mir das sehr geholfen hat, war die Rolle eine Gratwanderung.
teleschau: "Jeder hat eine zweite Chance verdient", sagt Olivers Großmutter im Film. Sollte man in einer Familie jede Verletzung verzeihen?
Ullmann: (zögert) Ich bin der Meinung, man sollte nichts unversucht lassen zu verzeihen - gerade in der Familie. Auch bei kleinen Streitigkeiten sollte man sich immer aussprechen. Schließlich weiß man nie, ob man wieder eine Chance dazu bekommt.
teleschau: Sie sind im besten Alter und seit einigen Jahren mit Ihrer Freundin Janin Reinhardt zusammen.
Ullman: Vorsicht! Nicht so viel Druck aufbauen! (lacht)
teleschau: Reizt Sie die Vorstellung, eine Familie zu gründen?
Ullmann: Gott sei Dank kann ich das entspannt angehen. Ich bin jetzt 27, habe also noch Zeit. Ein Familienmensch bin ich aber schon, und ich möchte auch irgendwann mal Kinder. Mindestens zwei!
teleschau: Macht es Ihre Beziehung einfacher, dass Sie und Ihre Freundin beruflich beide vor der Kamera stehen?
Ullmann: Ich denke schon. Wir haben dadurch einfach mehr gemeinsame Zeit, und es ist auch mehr Verständnis da für das, was der andere macht. Wichtig ist, dass man sich selbst und den Beruf nicht allzu ernst nimmt und auch über andere Dinge reden kann. Und das können wir.
teleschau: Ist Verständnis also das Zauberwort für eine glückliche Beziehung?
Ullmann: Puh. Man muss ehrlich und entspannt miteinander leben können und vor allem: miteinander reden. Die Dinge nur runterschlucken und mitschleppen bringt nichts.
teleschau: Sie drehen im Moment in Berlin für Til Schweigers Regie-Projekt "Schutzengel" - ein Thriller. Freut Sie der Genrewechsel?
Ullmann: Total! Vor allem, weil es so ein vernachlässigtes Genre im deutschen Kino ist. Aber auch für mich ist es Neuland. Til ist da der richtige Mann. Er weiß durch seine Amerika-Erfahrung, wie so etwas aussehen muss, und ist verrückt genug, es auch durchzuziehen. Ich freue mich auf jeden Drehtag wie ein kleines Kind!
Teresa Groß










