Kino / Portraits

Ländliches Heimspiel

Heio von Stetten spielt in "Das Leben ist ein Bauernhof" (Fr., 25.05., 20.15 Uhr, ARD)

Vom Land in die Stadt und wieder zurück: Die Dreharbeiten zum ARD-Freitagsfilm "Das Leben ist ein Bauernhof" (Freitag, 25.05., 20.15 Uhr) waren für Schauspieler Heio von Stetten ein ganz besonderes Erlebnis. Der 48-Jährige, der auf einem Bauernhof in der Nähe von Augsburg aufwuchs und heute in München lebt, unternahm eine Reise in die eigene Vergangenheit. Für ein paar Wochen wurde ein Bauernhof wieder zu seinem Lebensmittelpunkt - genau wie in von Stettens Kindheit. Klar, dass der Vater zweier Kinder vor diesem Hintergrund im Interview besonders ausführlich über das Landleben spricht. Die rosarote "Heile Welt"-Brille hat von Stetten bei den Dreharbeiten allerdings nicht aufgesetzt - und so räumt er zu Beginn des Gesprächs auch gleich mit einem gängigen Vorurteil über das Leben inmitten grüner Felder auf.

teleschau: Herr von Stetten, das Leben auf dem Bauernhof ist ...

Heio von Stetten: Keinesfalls so romantisch, wie viele glauben.

teleschau: Warum nicht?

von Stetten: Weil ein Bauernhof vor allem sehr viel Arbeit bedeutet. Ich war schon als kleiner Junge an allem beteiligt, was auf einem Hof so anfällt: Ich mistete Ställe aus, schleppte Milchkübel durch die Gegend, ging meinen Eltern bei der Heuernte zur Hand. Auf dem Land ist es selbstverständlich, dass man mithilft.

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teleschau: Wie fanden Sie das als Kind?

von Stetten: Ich mochte das Landleben sehr. Ich genoss die Freiheit. Die Freiheit, aus dem Haus gehen zu können und alles zu tun, wonach einem gerade der Sinn steht. Es ist schon toll, wenn man vor die Haustür tritt und nicht sofort auf einer Straße steht.

teleschau: Fanden Sie das in Ihrer Jugend auch noch so toll?

von Stetten: (lacht) Natürlich nicht. Wenn man auf Mädchensuche ist und andere Reviere durchstreifen möchte, ist es ausgesprochen ungeschickt, wenn die nächste Stadt nur mit dem Auto zu erreichen ist. Und auch im Hinblick auf die Pflege meiner Freundschaften war das damals schon recht schwierig: Meine Freunde sah ich wirklich nur während der Schulzeit, weil sie einfach zu weit weg wohnten.

teleschau: Der Führerschein muss ein wahrer Segen für Sie gewesen sein!

von Stetten: Absolut. Ich konnte es kaum erwarten, endlich 18 zu werden und mich hinters Steuer zu setzen. Mein Leben wurde schlichtweg sehr viel flexibler. Ich konnte in die Stadt fahren, wann immer ich wollte. Und wenn ich abends mit Freunden in Augsburg feierte, musste ich mich nicht mehr am letzten Bus orientieren. Das war definitiv eine Erleichterung.

teleschau: Hätten Ihre Eltern sich gewünscht, dass Sie den Hof übernehmen?

von Stetten: Ich kann natürlich nicht ausschließen, dass es da einen geheimen Wunsch gab - aber er wurde niemals ausgesprochen, und es gab auch nie Streit deswegen. Meine Eltern respektierten meinen Berufswunsch von Anfang an. Und das, obwohl er so exotisch war: Bei mir in der Familie gab es keine Künstler und damit auch keinen Bezug zur Schauspielerei.

teleschau: Wie ist Ihr schauspielerisches Interesse dann entstanden?

von Stetten: Das hat sich mit den Jahren so entwickelt. Ich hatte zuvor unzählige andere Berufswünsche, wollte mal Tierarzt, mal Koch, mal Architekt werden. Ich interessierte mich für alles, was nichts mit meiner direkten Umgebung zu tun hatte. Ich wollte meine Fühler ausstrecken und mich ausprobieren. Irgendwann begann ich dann, mich mit Literatur zu beschäftigen und landete schließlich im Schultheater.

teleschau: Und da packte Sie die Leidenschaft?

von Stetten: Da stellte ich fest, dass die Schauspielerei es mir ermöglicht, meine Sehnsüchte zu erfüllen.

teleschau: Wonach sehnten Sie sich denn?

von Stetten: Danach, eine andere Figur zu sein, Dinge zu sagen, die man selbst nie sagen würde. Ich liebte es einfach, in andere Rollen zu schlüpfen. Das tue ich bis heute.

teleschau: In "Das Leben ist ein Bauernhof" spielen Sie einen Mönch. Mochten Sie die Kutte?

von Stetten: Total! Ich hatte die ganzen Dreharbeiten über nichts anderes an - und daher überhaupt keinen Stress mit den Kostümen. Allerdings musste ich mich schon an die Kutte gewöhnen. Erst nachdem ich mich irgendwann ordentlich auf die Schnauze gelegt hatte, dachte ich beim Treppensteigen immer daran, den Rock anzuheben (lacht).

teleschau: Sind Sie denn ein gläubiger Mensch?

von Stetten: Ich bin durchaus jemand, der im Glauben verwurzelt ist. Für mich hat Glaube allerdings nicht so sehr damit zu tun, ob man an Gott glaubt oder nicht. Sondern vielmehr damit, dass man sich darüber im Klaren ist, dass unsere menschliche Fähigkeit, zu begreifen und zu erkennen, beschränkt ist.

teleschau: Stimmt es, dass Sie vor den Dreharbeiten eine Woche in einem Benediktinerkloster verbrachten?

von Stetten: Das stimmt, ja. Das war eine höchst beeindruckende Erfahrung.

teleschau: Wäre das Klosterleben etwas für Sie?

von Stetten: Nein. Mönchsein hat mit der nicht enden wollenden Suche nach dem Glauben zu tun. Der Glaube wird ständig neu hinterfragt. Das ist sehr viel anstrengender, als man glaubt. Und überhaupt haben die Menschen ja oft ein völlig falsches Bild vom Klosterleben. Viele denken, ein Mönch ist jemand, der vor dem Leben flieht. Das ist keineswegs der Fall. Wer ins Kloster will, muss es mit der Suche nach Gott verdammt ernst meinen.

teleschau: Wenn Sie vor dem Leben fliehen wollen - was machen Sie dann?

von Stetten: Ich schalte beim Sport ab und bin ein begeisterter Läufer. Es gab schon Zeiten, da lief ich wirklich jeden Tag. Derzeit drehe ich zweimal pro Woche meine Runden an der Isar.

teleschau: Laufen Sie nur zum Spaß? Oder setzen Sie sich Ziele?

von Stetten: Heute laufe ich definitiv zum Spaß und zum Ausgleich. Ich lief aber auch mal einen Halbmarathon. Das war so eine Art Ehrgeizprojekt. Das hat schon Spaß gemacht. Ich kann es verstehen, dass es Leute gibt, die sich da total reinbeißen und jeden Lauf mitnehmen, der kommt.

teleschau: Laufen als Sucht?

von Stetten: Genau. Das soll es ja geben. Unsere Wahnhaftigkeit unterscheidet uns Menschen von allen anderen Lebewesen. Das hat mal irgendein Philosoph gesagt. Fragen Sie mich aber nicht, wie er heißt.

teleschau: Sie werden nächstes Jahr 50. Was sagen Sie denn zum Jugendwahn?

von Stetten: Ach, man muss akzeptieren, dass man nun mal älter wird. Und so viel ändert sich ja auch gar nicht. Ich habe beispielsweise nicht unbedingt das Gefühl, wahnsinnig an Weisheit gewonnen zu haben. Als mein Vater 70 wurde, fragte ich ihn, wie man sich mit 70 denn so fühlt. Er antwortete: "Nicht anders als mit 29. Ich kann mich nur nicht mehr so gut bücken."

teleschau: Haben Sie auch schon erste Alterserscheinungen zu beklagen?

von Stetten: Ich halte mich ja mit dem Laufen fit. Aber abgesehen davon finde ich, dass wir Menschen aufhören sollten, unsere Wehwehchen zu hofieren und uns stattdessen verinnerlichen sollten, wie privilegiert wir heutzutage sind.

teleschau: Wie meinen Sie das?

von Stetten: Vor einigen Jahrzehnten waren die Menschen im Alter vollkommen fertig, weil sie ihr Leben lang schwere körperliche Arbeit verrichtet hatten. Heute gilt das für die Mehrheit nicht mehr - wir haben noch Ressourcen und können unser Leben auch im Alter noch genießen.

teleschau: Können Sie sich vorstellen, Ihr Leben im Alter in Italien zu genießen?

von Stetten: Sie meinen, weil meine Frau (Schauspielerin Elisabeth Romano, d. Red.) Italienerin ist? Grundsätzlich kann ich mir das schon vorstellen. Aber wir verplanen unser Leben nicht. Wir lassen uns treiben und sind gespannt, wo es uns noch hinverschlägt.

teleschau: Aber Sie fahren schon oft nach Italien, oder?

von Stetten: Wir besuchen die Familie meiner Frau sehr oft und sehr gerne. Meine Schwiegereltern lieben unsere beiden Kinder sehr. Und ich bin auch einfach immer wieder gerne in Italien. Dort ist es wärmer, es regnet nicht so oft, und der Kaffee ist nicht nur besser, sondern auch billiger. In Italien gibt es diese dämliche Kaffeesteuer nämlich nicht.

teleschau: Wer kocht die bessere Pasta? Ihre Frau oder Sie?

von Stetten: Ich würde sagen, wir kochen da auf einem vergleichbaren Niveau (lacht). Ich liebe das Kochen und finde, dass gemeinsames Essen ein sehr wichtiger Bestandteil unseres Zusammenlebens ist.

teleschau: Stehen Sie oft selbst am Herd?

von Stetten: Durchaus. In den letzten Wochen hatte meine Frau Theaterproben - da übernehme ich dann den Haushalt. Ich koche aber nicht nur gerne Pasta, sondern auch heimische Küche. Einen schönen Braten mit Blaukraut und Semmelknödeln zum Beispiel. Manchmal zaubere ich auch ein leckeres Drei-Gänge-Menü. Ich liebe es, wenn ich mich so richtig austoben kann!

teleschau: Wie oft kommen ihre sechs Geschwister in den Genuss Ihrer Kochkünste?

von Stetten: Da wir mittlerweile alle wieder im süddeutschen Raum leben, sehen wir uns gar nicht so selten. Das ist vielleicht auch etwas, was mit dem zunehmenden Alter zusammenhängt: Dass man sich geografisch wieder annähert, nachdem jeder seinen Weg gegangen ist.

teleschau: Ihre Filmfigur Hannes hat einen Bruder, der das komplette Gegenteil von ihm ist. Wie ist es denn bei Ihnen und Ihren Geschwistern um die Unterschiede bestellt?

von Stetten: Da gibt es natürlich sehr, sehr viele - vom Charakter bis zur Berufswahl. Aber trotz dieser Unterschiede sind wir sehr stark miteinander verbunden. Wir wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können.

teleschau: Sind Sie froh, kein Einzelkind zu sein?

von Stetten: Aus heutiger Sicht auf jeden Fall. Als Kind hatte ich aber durchaus oft den Wunsch, das einzige Kind zu sein. Aus ganz pragmatischen Gründen - ich hätte meine Sachen nicht mit meinen Geschwistern teilen müssen.

Anna Julia Höhr

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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