Wenn einer weiß, wie man Frauen schwach macht, dann er. In Sachen Liebe blieb Lionel Richie, der Sänger und Produzent von Nummern wie "Hello", "Endless Love" und "All Night Long", konstant erfolgreich - zumindest musikalisch. Der selbsternannte "hoffnungslose Romantiker", der, so heißt es offiziell, seit sieben Jahren keine feste Partnerschaft mehr eingegangen ist, wäre bereit für eine dauerhafte Bindung. Nur begeistern konnte ihn seit seiner zweiten Scheidung noch keine Dame so richtig. Der 62-jährige Oscar- und mehrfache Grammy-Preisträger, der nach seiner Zeit bei The Commodores vor 30 Jahren eine Solo-Karriere gestartet hatte, besinnt sich heute lieber auf seine drei Kinder, zwei Enkelkinder und seine Wurzeln. "Wenn sie mit meinen Enkelkindern wegzieht, würde es mir das Herz brechen", sagt er über die angeblichen Pläne seiner ältesten Adoptivtochter Nicole Richie (30), nach Australien zu ziehen. Auf seinem nach seiner Heimatstadt betitelten aktuellen Album "Tuskegee" versammelt Richie von Willie Nelson bis Kenny Rogers zahlreiche Größen aus der Country-Szene und nahm seine Klassiker als Duett-Versionen neu auf. Im Interview spricht Richie über Shania Twains Bühnenangst, das Verhältnis zu seinen Kindern, und er erklärt, worauf es ihm bei einer Frau ankommt.
teleschau: Sie haben jeden erdenklichen Preis gewonnen, hatten zahlreiche Nr. 1-Hits und haben die Welt gesehen. Dennoch sagen Sie, dass Sie ein Junge vom Land sind.
Lionel Richie: Einen großen Teil des Lebens verbringen wir damit, von zu Hause wegzukommen. Wir wollen das Elternhaus verlassen, die Stadt, in der wir aufgewachsen sind. Wir wollen die Welt entdecken. Ich bin einmal um die Welt gereist und mit dem neuen Album wieder zu Hause angekommen.
teleschau: Wie kam es zu der musikalischen Rückkehr?
Richie: Man fragte mich, ob ich etwas machen möchte wie "Lionel goes Gershwin" oder "Lionel does Cole Porter". Ich wollte das nicht. Ich liebe George Gershwin und Cole Porter, aber wie kann ich deren Sachen zu meinen machen? Ich habe gemerkt, dass es einen Country-Teil in mir gibt, den ich lange ignoriert habe. Ich war zu sehr damit beschäftigt, der Pop- und R'n'B-Typ zu sein. Ich wollte, dass das Album echt ist. In Tuskegee bin ich nicht nur zur Schule gegangen und aufgewachsen. Dort habe ich auch die Commodores getroffen, mit ihnen gelebt, alle Songs geschrieben.
teleschau: Nun haben Sie schon länger in Großstädten gelebt als in Tuskegee. Aus Los Angeles sind Sie doch nicht mehr wegzudenken.
Richie: Großstädte haben mir immer die Luft zum Atmen genommen. Es war schlimmer, als ich in New York gelebt habe. Los Angeles ist etwas weitläufiger. Dort, wo ich in Beverly Hills wohne, gibt es viel Natur, sodass man nicht das Gefühl bekommt, erdrückt zu werden. Ich kann höchstens einen Monat in der Großstadt bleiben und dann muss ich raus.
teleschau: Wohin?
Richie: Ich glaube, dass der größte Teil der Kreativität in Stille entsteht. Abgeschiedenheit bedeutet nicht das Penthouse in New York. Ich muss zurück zur Natur. Ich glaube, da spricht mein indianisches Blut. Die Cherokee-Indianer waren immer der Auffassung, dass man mit Beton unter den Füßen nicht die Schwingungen der Erde spüren kann.
teleschau: Können Sie sich an die Zeit erinnern, als Sie die Koffer packten und Alabama verließen?
Richie: Wirklich gegangen und ganze vier Jahre nicht wiedergekommen bin ich 1980. Damals nahm ich in Kalifornien "Lady" mit Kenny Rogers auf. Mein Leben hat sich immer so schnell bewegt, dass ich von einem gemieteten Haus ins nächste gezogen bin. Ich kaufte ein Haus, zog nach meiner ersten Scheidung in ein anderes. Jedes dieser Häuser repräsentiert eine Kiste. Alles, was ich bei meinen Umzügen in Kisten packte, holte ich nie wieder raus, ich kaufte immer neue Sachen. Mittlerweile habe ich so viele Kartons, dass ich eine Lagerhalle damit füllen könnte.
teleschau: Sie wirken wie ein Getriebener. Sind Sie nun sesshaft geworden?
Richie: Ich bleibe vorerst, wo ich bin. Der dritte Abschnitt meines Lebens hat nun begonnen, und den möchte ich ein wenig genießen. Ich will nicht weiterhin in Hektik leben. Es heißt "Work hard, play hard". Ich sehe es mittlerweile aber so: "Work hard, play harder". Ich möchte so viel Zeit mit meinen beiden Enkeln Harlow (4) und Sparrow (2) verbringen, wie nur möglich. Ich habe einen 17-jährigen Sohn, der wahrscheinlich gerade überlegt, wie er mein Auto klauen kann. Also möchte ich Miles, wenn er es schon tut, wenigstens beibringen, wie er es anständig fährt. Dann habe ich auch noch meine 13-jährige Tochter Sofia. Die Teenie-Zeit habe ich mit meiner Tochter Nicole schon hinter mir. Das war kein Zuckerschlecken.
teleschau: Sie waren und sind beruflich oft viel unterwegs. Das Familienleben scheint dennoch einen hohen Stellenwert zu haben. Wie bekommen sie beides unter einen Hut?
Richie: Ich bin heute mehr Familienmensch als zu der Zeit, als Nicole zu uns kam. Damals war ich noch dabei, der zu werden, der ich heute bin. Jetzt kann ich entscheiden, wie ich meine Zeit gestalte und habe auch erkannt, wie kostbar die Familie ist. Meine Kinder sind mittlerweile alle alt genug, sich zu artikulieren, es gibt kein 'gaga gaga' mehr. Ich bekomme heute sogar Ratschläge von Nicole. Von ihr! Kann man sich das vorstellen?
teleschau: Sie ist erwachsen geworden.
Richie: Das Absurde daran ist, dass all ihre verrückten, exzentrischen Freunde von damals, wegen denen ich sie immer fragte: 'Warum hängst du mit diesen merkwürdigen Kindern rum?', heute Top-Agenten, Top-Produzenten und die besten Fotografen sind. Der Typ, der sich den Kopf blank rasiert hat als er neun Jahre alt war, ist heute ein erfolgreicher Designer. Wenn ich etwas in dieser Richtung brauche, dann wende ich mich an genau diese Kids. Unfassbar, aber so entwickeln sich die Dinge.
teleschau: Nicole und Ihr Schwiegersohn Joel Madden überlegen, nach Australien zu ziehen. Er sitzt dort in der Jury der Casting-Show "The Voice".
Richie: Nein, nein, nein. Das habe ich mit den beiden schon ausgehandelt: "Leute, hört zu. Das könnt ihr nicht machen. Was soll ich tun, um euch zu überzeugen?" Wenn sie mit meinen Pawpaws, so nenne ich meine Enkelkinder, weil sie "Pawpaw" zu mir sagen, wegzieht, würde es mir das Herz brechen. Wie viel Zeit habe ich schon, mal eben nach Australien zu fliegen? Das ist ein klein wenig zu weit weg. Oder sie lässt die Kleinen bei mir, dann kann sie wegziehen. Das würde sie aber nie tun.
teleschau: Ihre Kinder, Ihre Ex-Frauen und Sie wohnen jetzt alle in Kalifornien, aber auch jetzt schon unter verschiedenen Dächern. Wie einfach ist es, alle an einen Fleck zu bekommen?
Richie: Das geht ohne Schwierigkeiten. Wir berufen die Familie ein und treffen uns. Meine Ex-Frauen und ich haben gemeinsame Kinder. Wenn wir zusammenkommen, nennen wir es Stammes-Treffen. Meine erste Frau ist Tante Brenda, meine zweite Ex-Frau ist Tante Diane. Dass sich jeder sieht, ist sehr wichtig.
teleschau: Wie einfach war es, alle Künstler für Ihr aktuelles Album ins Studio zu bekommen?
Richie: Das war schwieriger als ein Familientreffen einzuberufen. Ich bin um 200 Jahre gealtert. Es ist für mich als Künstler schwierig genug, die künstlerische Verantwortung abzugeben und mich auf das Produzieren zu konzentrieren. Ich weiß, wie schwierig es ist, nur ein Duett aufzunehmen. Dieses Mal musste ich mit 14 verschiedenen Sängern und Bands arbeiten, und ich musste darauf warten, dass sie Zeit haben für mich und in Bereitschaft sein. Normalerweise dauert es drei Wochen ein Country-Album aufzunehmen. Ich brauchte über zehn Monate. Ich flog zu allen Künstlern, um mit ihnen ins Studio zu gehen. Ich war unzählige Male in Nashville, Shania konnte nur auf den Bahamas ans Mikrofon.
teleschau: Es gibt Schlimmeres als auf die Bahamas zu fliegen. Zum Beispiel Shania Twain zu überzeugen, wieder zu singen. Sie hat vor sieben Jahren wegen Stress ihre Stimme verloren.
Richie: Ich bin heute erschrockener darüber als vor den Aufnahmen. Ich war total überrascht, weil ich wirklich keine Ahnung hatte, wie groß Shanias Angst wirklich war. Erst als ich da war, wurde mir klar, dass sie ihre Stimme wirklich verloren hat und sieben Jahre lang keinen Ton gesungen hat. Es war ein langer, harter Prozess, bis wir den Song im Kasten hatten. Sie hört sich großartig an, aber ich konnte sie bis jetzt nicht überreden, mit mir auf die Bühne zu gehen. Sobald sie es aber tun würde und das Publikum anfangen würde zu jubeln, wäre alles gut.
teleschau: Die Bühne als Allheilmittel?
Richie: Das versuchte ich, Michael Jackson zu erklären: "Wir Künstler vermasseln unser Privatleben, weil wir es nicht einstudieren können und nicht wissen, was wir tun. Wenn wir auf die Bühne oder ins Studio gehen, wissen wir ganz genau, was wir tun." Wenn er sich nur getraut hätte, hätte er seine Angst überwinden können. Shania hat bald eine große Show in Las Vegas. Mal schauen, ob sie die Hemmungen überwinden kann. Ich werde da sein und dafür sorgen, dass sie es durchzieht.
teleschau: Für Deutschland und drei weitere Länder wurde "Tuskegee" als Special-Edition produziert. So sind hierzulande Cassandra Steen und Stefanie Heinzmann als Gäste zu hören. Wie haben Sie die beiden erlebt?
Richie: Beide sind ganz unterschiedliche großartige Künstlerinnen. Stefanie hat die erstaunliche Gabe, mir vorzumachen, schüchtern zu sein - bis sie den Mund aufmacht. Mich nimmt sie nicht mehr auf den Arm. Cassandra und Stefanie haben starke Persönlichkeiten.
teleschau: Sie hatten viel um die Ohren mit dem Album, jetzt steht auch Ihre Tour an. Hatten Sie, der vor allem für seine Liebes-Hymnen bekannt ist, da noch selbst Zeit für die Liebe?
Richie: Nein. Ich habe beschlossen, es zu genießen, Frauen zu daten, und das Ganze entspannt zu sehen. Was die wahre Liebe angeht: Ich habe meine Pawpaws und meine Kinder. Wenn sie mich erwischt und überrollt, dann bin ich bereit für die wahre Liebe, ja. Aber ich bin ein hilfloser Romantiker. Ich verliebe mich alle zwei Tage. Ich denke, dass es vielleicht ganz gut ist, dass ich momentan keine Zeit habe, mich da unüberlegt in etwas reinzustürzen.
teleschau: Und wie sollte sie sein, die Frau, für die Sie bereit wären? Wie ein Mädchen vom Land?
Richie: Sie muss etwas machen, von dem sie begeistert ist. Es kommt mir nicht darauf an, wie schön sie ist oder wie viel Geld sie hat. Sie soll sich für das, was sie macht, interessieren. Ob Designerin, Inneneinrichterin oder Lehrerin - sie soll ihre Sache leidenschaftlich machen. Dann kann man sich über mehr unterhalten, als über das, was ich mache, und ich kann mir etwas anhören. Wenn man eine weltweite Promo-Tour macht, dann ist das Letzte, über das ich zu Hause sprechen möchte, mich selbst.
Lionel Richie auf Deutschland-Tournee:
08.10., Frankfurt, Festhalle
09.10., Halle/Westfalen, Gerry Weber Stadion
22.10., Leipzig, Arena
23.10., München, Olympiahalle
24.11., Stuttgart, Schleyerhalle
26.11., Berlin, O2 World
01.12., Oberhausen, König-Pilsener-Arena
03.12., Hamburg, O2 World
06.12., Köln, Lanxess Arena
Ines Nurkovic




