Kino / Portraits

"Man kann ab und zu schon mal ein Bömbchen zünden"

Ben Becker moderiert den "Summer of Rebels" bei ARTE (ab So., 08.07.)

Seit Klaus Kinski abtrat, machte sich kein deutscher Schauspieler mehr die Mühe, die Rolle des dienstleistenden Stars mit einer gehörigen Portion Wahnsinn zu vermischen. Doch halt, es gibt einen: Ben Becker. Weil es der 47-jährige Schauspieler und Musiker aus Berlin im Leben krachen lassen kann wie kein Zweiter, hat ihn ARTE als Moderator für neun sommerliche Themenabende verpflichtet. Überschrift: "Summer of Rebels". Im Interview spricht jener Mann, der 2008 nach einer durchfeierten Nacht bereits einmal vom Notarzt wiederbelebt werden musste, über Lieblingsrebellen und die Kunst, den eigenen Lebensstil zu überleben.

teleschau: Herr Becker, was ist ein Rebell?

Ben Becker: Jemand, der Dinge in Frage stellt. Entweder, weil er muss oder es will. Jemand, der diese Haltung auch lebt. Sei es im wirklichen Leben oder in der Kunst.

teleschau: Ist der Rebell zwangsläufig ein emotionaler Typ?

Becker: Nein, das muss nicht sein. Rebellen können durchaus vollkommen vergeistigte Wesen oder Intellektuelle sein. Rebellen müssen auch nicht zwangsläufig laut sein.

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teleschau: Haben Sie Lieblingsrebellen?

Becker: Aus dem Alter bin ich raus. In der Jugend war Marlon Brando mein großes Vorbild. Aber da war ich 16, jetzt werde ich 48. Die Zeiten, als ich mir Elvis Presley übers Bett hängte, sind vorbei. Es gibt jedoch Leute in der Kunst, die sind anders als der Rest. Leute, denen ich immer noch sehr gerne zusehe und -höre. Das geht von Sylvester Stallone über Iggy Pop und David Bowie bis hin zu Lemmy Kilmister von Motörhead.

teleschau: Interessant, dass Sie Sylvester Stallone erwähnen. Den sehen die meisten als konservativen Mainstream-Star, keineswegs als Rebellen.

Becker: Stallone ist natürlich kein Liebling des Feuilletons. Er hat die Intellektuellen irgendwann mal verschreckt. Aber in seinen Rollen ging er immer einen sehr geraden Weg. Das fand ich sehr beeindruckend. Einige meiner Helden sind sozusagen anti-intellektuell, dafür aber sehr präzise und geradlinig. Die Vorliebe für solche Helden ist eine Eigenart von mir. Bei mir hängt auch immer noch ein Autogramm von Sly Stallone an der Wand. Auch eines von Alain Delon und Billy Wilder, dann noch Eric Burdon - die haben das bis dahin geschafft. Es gibt aber auch viele, die hänge ich nicht hin.

teleschau: Welche Autogramme haben Sie abgehängt?

Becker: Abgehängt habe ich keine. Die meisten habe ich entweder nicht aufgehängt oder die entsprechenden Leute erst gar nicht nach einem Autogramm gefragt. Ich finde zum Beispiel Bruce Willis toll und sehe ihm gerne zu. Aber ich bräuchte kein Autogramm von ihm.

teleschau: Sie waren also mal Autogrammjäger?

Becker: Ja, aber das ist lange her. Ich war ein kleiner Junge. Mein Onkel war Entertainer, er kam an alle Autogramme von Prominenten ran. Über ihn hatte ich Unterschriften und Widmungen ohne Ende. Aber dann - als angehender Punkrocker - habe ich sie alle in einem Wahn zerrissen. Da war das eine oder andere dabei, worüber ich heute sehr traurig bin. Zum Beispiel eines von Pink Floyd mit einer persönlichen Widmung für mich. Da stand: "Take care of the sun of Pink Floyd" und darunter die Unterschriften. Das war ziemlich geil.

teleschau: Wen haben Sie als erwachsener Ben Becker nach einem Autogramm gefragt?

Becker: Zum einen Alain Delon. Das war ein Held meiner Jugend. Als ich ihn traf, bat ich ihn darum, mir etwas aufzuschreiben. Ich hatte auch die Gelegenheit, Billy Wilder kennenzulernen. Ich saß eine Stunde lang in seinem Büro und durfte mich mit ihm unterhalten. Da habe ich gesagt: Ich möchte gern ein Autogramm! Das hat einen Ehrenplatz bei mir, da bin ich sehr stolz drauf.

teleschau: Kostet es als Künstler nicht besondere Überwindung, einen Kollegen nach einem Autogramm zu fragen?

Becker: Mich kostete das nie Überwindung. Bei bestimmten Leuten bin ich einfach Fan. Auf die bin ich ganz direkt zugegangen. Diese Art kam auch immer gut an.

teleschau: Sie sind sowohl Schauspieler als auch Musiker. Verliert sich die Bewunderung für Helden der Jugend ein bisschen, wenn man jene Dinge, die sie tun, ebenfalls von Berufs wegen tut?

Becker: Ikonenverehrung ist etwas für die Pubertät. Vielleicht noch ein bisschen was für die Jahre danach. Später ist man damit beschäftigt, erwachsen zu werden und den eigenen Weg zu finden. Wenn man später immer noch von Leuten träumt, die ihren Weg bereits gegangen sind, finde ich das persönlich ein bisschen seltsam. Deshalb kann man ja trotzdem Künstler schätzen, lieben und sich mit ihnen auseinandersetzen.

teleschau: Wie sehr nervt Sie das eigene Image als Rebell?

Becker: Eigentlich bin ich ganz zufrieden. Weil ich mir ein Leben lang treu geblieben bin. Ich habe vor, das auch weiter so zu praktizieren. Es gab jedoch Zeiten, da fand ich es schwierig. Dann, wenn nur noch der Rebell und nicht mehr die Kunst dahinter gesehen wurde. Ich habe vielleicht eine eigene Art, Dinge zu hinterfragen. Wenn aber darin nur noch der Rüpel und nicht mehr der künstlerische Akt gesehen wird, tut es mir schon weh. Als dies irgendwann überhandnahm, habe ich beschlossen, nicht mehr ganz so spontan zu sein (lacht). Das habe ich wohl geschafft. Heute stehe ich wieder im Ruf, ein ernst zu nehmender Künstler zu sein. Vielleicht einer, der eine gewisse Unberechenbarkeit mitbringt. Einer, bei dem man - wenn er die Bühne betritt - nicht sofort weiß, was gleich passiert. Dennoch bin ich jemand, der im konservativen Sinne etwas Künstlerisches auf die Beine stellt.

teleschau: Welchen rebellischen Akt bereuen Sie?

Becker: Nichts, wirklich nichts. Das ist mir auch zu spekulativ. Ich musste aus den Fehlern, die ich gemacht habe, etwas lernen. Aus meiner Überheblichkeit, den Fehltritten und Rückschlägen. Aus dem übertriebenen Spaß, dem ich manchmal hinterhergehetzt bin.

teleschau: Wären Sie manchmal gern ein anderer, leiserer Typ?

Becker: Manchmal wünsche ich mir, dass man mir als Kind mehr Grenzen aufgezeigt hätte. Da gab es schon manchmal diese Sehnsucht nach Gutbürgerlichkeit. Den Traum, in einer heilen Welt und geborgen zu leben...

teleschau: Gibt es diesen Traum immer noch?

Becker: Es gibt ihn immer wieder mal. Genauso wie jene Leute, die das Andere leben, ab und zu gerne ausbrechen würden. Jeder hat doch die Sehnsucht nach dem entgegengesetzten Leben. Wenn ich an Weihnachten durch die Stadt fahre und sehe spießig geschmückte Fenster, denke ich manchmal: Ach, da oben wäre ich jetzt auch gerne.

teleschau: Wie versuchen Sie, Ihren erfahrenen Mangel an Gutbürgerlichkeit auszugleichen?

Becker: Ich habe mittlerweile meinen Garten. Meine Tochter hat ein Pferd. Es ist nicht so, dass ich jede Nacht durch Berlin laufe und auf den Putz haue. Früher habe ich das Rebellische der Kunst auch ins echte Leben verlängert. Da musste ich alle zwei Wochen auf den roten Knopf drücken, um etwas zur Explosion zu bringen. Heute, mit bald 50 Jahren, schaffe ich das nicht mehr. Da konzentriere ich mich lieber auf die Kunst.

teleschau: War das ein Prozess, oder gab es jenen Punkt, an dem Sie sagten: Ich muss mein Leben ändern?

Becker: Nein, bei mir haben sich Dinge immer irgendwie entwickelt. Für das andere bin ich nicht gemacht. Ich kann nicht sagen: Ab heute wird alles anders. Dass es nicht geht, zeigt auch die Tatsache, dass ich es bis heute nicht geschafft habe, mit dem Rauchen aufzuhören. Das wird auch nichts mehr, glaube ich (lacht).

teleschau: Es gab auch keinen Moment im Leben, da dieser Veränderungsprozess einsetzte?

Becker: Nein, und wenn Sie auf meinen kleinen Unfall anspielen - das war wirklich nur ein Unfall. Da habe ich einfach nur Scheiße ausprobiert und bin sofort vom Tisch gefallen. Weil ich danach diese Bibelsache gemacht habe, hat man natürlich sofort gesagt: Sieh mal, der Becker - eben ist er fast gestorben und kommt gleich mit der Religion. Ich kann nicht einen Tag auf Exitus machen und drei Wochen später stehe ich mit einer Riesenshow samt Orchester vor 10.000 Leuten auf der Bühne. Da war ich schon anderthalb Jahre zuvor dran am Arbeiten.

teleschau: Ist es leichter, ein Rebell zu sein, wenn man jung ist?

Becker: Ja, weil man nicht so sehr reflektiert. Und weil man in der Regel noch keine Verantwortung für andere trägt. Heute habe ich eine Familie. Und ich nehme das Wort Verantwortung verdammt ernst. Genauso wie ich in der Kunst - was das Handwerk betrifft - ein Konservativer bin. Ich finde, da muss man diszipliniert und verlässlich sein. Inhaltlich und auch privat finde ich dagegen: Man kann ab und zu schon mal ein Bömbchen zünden - auch im fortgeschrittenen Alter (lacht).

Eric Leimann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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