Die Olympischen Spiele 1972 in München sollten mit ihrer lockeren Atmosphäre ein neues Deutschlandbild in die Welt hinaustragen. Fast wäre dies den "heiteren Spielen" geglückt, hätten nicht am 5. September 1972 acht Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation Schwarzer September israelische Sportler als Geiseln genommen. Am nächsten Tag waren 17 Menschen tot - elf Israelis, fünf Terroristen und ein deutscher Polizist. Das Dokudrama "Vom Traum zum Terror - München 72" ruft eines der traurigsten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte in Erinnerung. Peter Lohmeyer ("Das Wunder von Bern") spielt Walther Tröger - damals Bürgermeister des Olympischen Dorfes und einer der Verhandlungsführer während der Geiselnahme.
teleschau: Sie waren während der Olympischen Spiele in München zehn Jahre alt. Haben Sie noch Erinnerungen?
Peter Lohmeyer: Ja, es war das erste große Sportereignis, das ich bewusst verfolgte. Bei der Olympiade 1968 oder der Fußball-WM 1970 - beides in Mexiko - war alles noch kindlich verschwommen. Von München habe ich vor allem die farbigen Bilder und Namen von Siegern in Erinnerung: Klaus Wolfermann oder Bernd Kannenberg. Mark Spitz natürlich. Und klar, die Damen Ulrike Meyfarth und Heide Rosendahl.
teleschau: Den Terroranschlag bekamen Sie nicht mit?
Lohmeyer: Doch, schon. Aber als Kind neigt man dazu, die positiven oder beeindruckenden Dinge im Kopf zu behalten. Das andere ist eher merkwürdig. Ein diffuses Gefühl. Erwachsene, die sich komisch benehmen und deren Verhalten man nicht einordnen kann. Es sind Fragmente, die sich einprägen - wie der Name Fürstenfeldbruck. Das hat sich so tief eingegraben, dass ich heute noch an München 72 denken muss, wenn mich ein Auto mit dem Kennzeichen FFB überholt.
teleschau: Viele Eltern versuchen, ihre Kinder von solchen Ereignissen fernzuhalten. Wie war das bei Ihnen?
Lohmeyer: Verschwiegen wurde bei uns eigentlich nichts. Auf der anderen Seite kann ich mich nicht erinnern, dass meine Eltern mit mir über München 72 geredet hätten. Aber in der Schule war schnell klar, die Bösen waren die Palästinenser. So wie später Baader-Meinhof die Bösen waren. Ich finde ja, dass man ruhig etwas früher mit der Vermittlung eines differenzierten Weltbildes beginnen kann. Ich versuche das jedenfalls bei meinen Kindern. Bei 9/11 zum Beispiel habe ich zumindest probiert zu erklären, warum die beiden Parteien so gehandelt haben. Was sie damit erreichen wollten. Da geht es einfach um politische Hintergründe. Wer die nicht hat, kann solche Geschehnisse nicht einordnen.
teleschau: Brauchen Kinder von zehn Jahren nicht noch ein gewisses Schwarz-Weiß-Denken, um Dinge verstehen zu können?
Lohmeyer: Ich finde, es ist selten zu früh für eine differenzierte Darstellung. Kinder brauchen zumindest eine Begleitung. Als Baader und Meinhof 1976 starben, lebte meine Familie in Stuttgart, also am Ort des Geschehens. In der Schule wurde der Tod der Terroristen eher begrüßt. Mit 14 Jahren hat mich das stark irritiert. Ich fand es nicht gut, dass man sich darüber freuen sollte. Ich war eigentlich traurig über das, was passiert war. So wie ich aus heutiger Sicht München 72 unendlich traurig finde. Irgendwo zwischen 10 und 14 geht so ein kindliches Empfinden verloren, das aus traurigen merkwürdige Ereignisse macht. Es wäre sicher nicht gesund, wenn man als Zehnjähriger wegen Terroranschlägen im Fernsehen total traurig durch die Gegend laufen würde. Und trotzdem - die Dinge erklären und einordnen, das sollte man bei seinen Kindern schon recht früh versuchen.
teleschau: Was macht Sie aus heutiger Sicht traurig, wenn Sie an München 72 denken?
Lohmeyer: Dass aus einer so mutigen, leuchtenden, also durchweg positiven Idee ein solches Desaster wurde. München 72 war zu Beginn ein wunderbares Zeichen. Ein offenes, friedvolles Fest. Mit der modernen Architektur, den Polizisten in ihren türkisen Uniformen ohne Waffen. Das alles sendete ein positives neues Deutschlandbild hinaus in die Welt. Die Stimmung war tatsächlich ausgelassen. Eine fast kindliche Freude herrschte rund um die Spiele. Während wir dieses Dokudrama drehten, passierten die Anschläge in Norwegen. Auch dort traf es eine offene, liberale Gesellschaft - so wie in München. Traurig ist, dass sich gerade solch offene Gesellschaften angreifbar machen gegenüber dem Terror. Und dass man das am Ende einfach aushalten muss, so hart es klingt.
teleschau: München 72 gilt als erster Terroranschlag, der vom Fernsehen quasi live begleitet wurde. Es gibt ziemlich viel Bildmaterial. Braucht man da überhaupt ein Dokudrama mit Spielszenen?
Lohmeyer: Ich persönlich gucke mir auch gern reine Dokumentationen an. Bei uns geht es um das Ausleuchten jener Szenen, bei denen keine Kamera dabei war: die Dialoge im Krisenstab, die Verhandlungen mit den Geiselnehmern. Von all diesen Szenen gibt es genaue Erinnerungen der Beteiligten, die haben wir versucht einzufangen und mit dem Dokumaterial zu einem spannenden Film zu verbinden.
teleschau: Die Spielszenen sind wegen des umfangreichen dokumentarischen Materials eher kurz. Kann man als Schauspieler in solch bruchstückhaften Szenen glänzen?
Lohmeyer: Natürlich ist es schwierig, wenn man nur drei Sätze hat und damit eine komplexe Situation darstellen soll. Man kann es aber auch als Herausforderung sehen. Ich bin ein Mannschaftsspieler, und nur als Ensemble kommst du zu so einem Ergebnis. Den Film finde ich absolut gelungen, darauf kam es an. Nicht darauf, selbst glänzen zu können. Dass man es mit den Spielszenen nicht übertreibt, ist eine Frage des Respekts gegenüber den in diesem Fall noch lebenden Protagonisten wie Genscher oder Tröger. Da sie im Film vorkommen und erzählen, sollten sie nicht in den Hintergrund gedrängt werden. Solche Kombinationen sind immer heikel. Wenn die dargestellten Personen noch leben, ist man als Schauspieler dazu verpflichtet, sich im Hintergrund zu halten.
teleschau: Haben Sie Walther Tröger getroffen, um sich auf die Rolle vorzubereiten?
Lohmeyer: Nein, ich habe mir seine Interviews im Film angesehen - die waren zu diesem Zeitpunkt schon aufgezeichnet. Und natürlich hat mir der Regisseur noch ein paar Dinge erzählt, die nicht vor der Kamera gesagt wurden. Rollenvorbilder zu treffen, ist ein zweischneidiges Schwert. Oft wird man dazu verleitet, die Leute exakt kopieren zu wollen - was selten gut aussieht.
teleschau: Was nehmen Sie von diesem Film mit?
Lohmeyer: Dass ich politische Aufklärungsarbeit geleistet habe - für mich und die Zuschauer. Und dass ich für so etwas auch noch bezahlt werde (lacht). Das ist großartig. Natürlich außerdem die Hoffnung, dass der Terror bei den nächsten sportlichen Großereignissen außen vor bleibt.
teleschau: Gibt es ein Mittel gegen Terror?
Lohmeyer: Nein, die Tat eines gut organisierten Verrückten wie in Norwegen oder fanatisierter Religionskrieger - wie will man so etwas verhindern? Hilft es wirklich, hohe Zäune zu bauen? Hilft es, wenn man am Flughafen ewig lange an jedem Passagier herumfingert, bevor er einsteigt? Meine einzige Antwort darauf ist ein Gefühl. Das Gefühl, dass ich meine Freiheit maximal ausleben möchte. Dass ich mit meinen Kindern auch mal über eine Mauer rübergehe. Lasst euch nicht einzäunen - das ist meine Meinung!
teleschau: Was halten Sie als bekennender Fußballfan von den neuen Gewaltphänomenen in deutschen Stadien? Wie es scheint, hat niemand eine Lösung parat ...
Lohmeyer: Ich glaube, es geht nur über Dialog. Man muss sich treffen, treffen, treffen. Mal in kleinen Gruppen, mal mit ganz vielen. Man muss die Fans, auch jene, die zu Krawall oder Gewalt neigen, verstehen lernen. Nur wenn man die andere Seite versteht, kann man Grenzüberschreitungen von beiden Seiten besser beschreiben und in Gesprächen über Regeln und Sanktionen nachdenken. Es ist wie Erziehung: Beide Seiten müssen mehr voneinander wissen, dann kann man auch anders handeln.
Eric Leimann








