Früher war Wolf-Dieter Poschmann ein deutscher Spitzenläufer, doch das weiß heute kaum noch jemand. 1978 stellte der heute 61-Jährige gar einen deutschen Rekord über die Halbmarathondistanz auf - zwölf Jahre sollte dieser halten. Seit 1985 ist der gebürtige Kölner beim ZDF. Zwischen 1995 und 2005 leitete er die Hauptredaktion Sport. Elfmal war "Poschi" bei Olympia - mit London macht er das Dutzend voll. Am Freitag, 27. Juli (21.30 Uhr, ZDF), kommentiert er die Eröffnungsfeier aus der britischen Metropole - danach wird man ihn ebenso fachkundig wie emotional als Begleiter der Leichtathletik-Wettbewerbe wiederhören. Ein Gespräch über Olympiastädte, unseriöse Medaillen-Prognosen und gekauftes Edelmetall.
teleschau: London werden Ihre zwölften Olympischen Spiele als Reporter sein. Stellt sich ein gewisses Gefühl der Routine ein?
Wolf-Dieter Poschmann: Nein - mein Erleben der Spiele war dafür einfach zu unterschiedlich. Dabei spielen viele Dinge eine Rolle: die Atmosphäre an den Wettkampfstätten und in der Stadt selbst, die Mentalität und Sportbegeisterung der Menschen, die Qualität der Organisation und natürlich die gesellschaftlich-politische Lage.
teleschau: Gibt es persönliche Lieblingsspiele?
Poschmann: Lillehammer im Winter 1994 und Sydney 2000. In Norwegen waren es Spiele in zwei sportbegeisterten Kleinstädten. Da war alles sehr persönlich und atmosphärisch. Sydney hatte die total sportverrückten Australier zu bieten und ist natürlich ohnehin eine Traumstadt.
teleschau: Welche Spiele sind Ihnen eher negativ in Erinnerung?
Poschmann: Richtig negativ? Das kann ich nicht sagen. Peking war sicher schwierig, da die Spiele politisch stark belastet waren. Später haben sie sich immerhin als die bestorganisierten Spiele aller Zeiten herausgestellt. Allerdings nicht sehr atmosphärisch, da sich dort vor allem Menschen aus Asien getroffen haben - Menschen, die ihre Begeisterung eher verhalten äußern. Komischerweise war Athen 2004 auch ziemlich leblos. Den kontroversesten Eindruck hatte ich allerdings 2002 in Salt Lake City. Die Anschläge von 11. September lagen erst wenige Wochen zurück. Die ganze Stadt war mit Kameras abgedeckt, es herrschte eine gespannte bis bedrückte Stimmung in Sachen Sicherheit. An den Wettkampfstätten herrschte jedoch plötzlich eine sehr fröhliche Atmosphäre.
teleschau: Was erwarten Sie von London?
Poschmann: Da erwarte ich eine fröhliche, bunte Atmosphäre. In England liegt die Wurzel des organisierten Wettkampfsports. Fußball wurde dort erfunden, viele sportliche Regelsysteme. England ist im Grunde genommen nicht nur das Mutterland des Fußballs, sondern auch des Sports, so wie wir Europäer ihn kennen.
teleschau: Sie kommentieren die Eröffnungsfeier. Wie bereiten Sie sich vor?
Poschmann: Solche Eröffnungsfeiern gehören zu den am schwierigsten zu kommentierenden Ereignissen überhaupt. Die Veranstaltung besteht aus unglaublich vielen unterschiedlichen Elementen. Man muss die richtige Balance finden zwischen der Informationspflicht gegenüber dem Zuschauer und einer Zurückgenommenheit, um Bild und Ton wirken zu lassen. Nehmen Sie den Einmarsch der Nationen - das sind über 200 Mannschaften. Sagt man zu jeder Nation etwas, wird es ein einziges Gerede. Lassen Sie Nationen aus, kommt schnell Kritik, man wäre gegenüber diesen Nationen arrogant.
teleschau: Ist nicht auch vieles noch geheim - sodass sie improvisieren müssen?
Poschmann: Zwei Tage vor der Eröffnungsfeier gibt es eine Generalprobe, da dürfen wir dabei sein. Dann wird auch das 'Storyboard' der Veranstaltung offengelegt, aber eben nicht jede einzelne Phase. Es gibt Dinge, die sollen überraschend bleiben, und das schaffen die auch immer irgendwie. Wer zum Beispiel das Olympische Feuer entzündet - bisher hat das noch nie jemand im Vorfeld herausgefunden.
teleschau: Sie werden fürs ZDF die Leichtathletik kommentieren. Ist das anstrengender als - sagen wir - ein wichtiges Fußballspiel?
Poschmann: Für den Kommentator ist Leichtathletik das schwierigste. Die Wettkämpfe laufen über neun Stunden, so lange muss man die Konzentration hochhalten. Es gilt, knapp 40 Disziplinen zu bewerten, die oft nichts miteinander zu tun haben. Die sportliche Schnittmenge von 110 Meter Hürden und Speerwerfen ist gleich null. Sie haben komplett neue Athleten, Trainer, Techniken und ihre spezifischen Probleme. Da auf dem Laufenden zu bleiben und gut vorbereitet zu sein, ist anspruchsvoll. Hinzukommt, dass die Fluktuation bei den Athleten viel höher ist als früher.
teleschau: Woher kommt das?
Poschmann: Athleten, die über ein Jahrzehnt ihre Disziplin dominieren - so etwas gibt es heute fast nicht mehr. Das Niveau ist an der Spitze so extrem hoch geworden, dass sich Top-Athleten kaum noch länger halten können. Die Verletzungsgefahr ist höher - auch wegen des hohen Niveaus. Im Mittel- und Langstreckenbereich melden sich jedes Jahr ein Haufen neuer Kenianer oder Äthiopier mit Wunderzeiten an, die vorher kein Mensch kannte.
teleschau: Ist die Konzentration beim Kommentieren auch eine andere als beim Fußball?
Poschmann: Ja, absolut. Beim Fußball muss man auf den Ball gucken und darauf, wie sich Mannschaften stellen. Das macht man am besten, indem man über den Monitor hinaus auf das Spielfeld blickt. Dort sehen Sie die Zusammenhänge. Bei der Leichtathletik ist es genau umgekehrt. Da muss man vom Bildschirm aus kommentieren, weil man nie weiß, was gerade auf dem Sender ist, ob der Regisseur etwas vorher Aufgezeichnetes dem Zuschauer nachreicht und so weiter. Dazu passiert vieles parallel. Wir Kommentatoren können Vorschläge liefern, aber der Regisseur entscheidet.
teleschau: Glauben Sie, dass London erfolgreiche Spiele für die deutschen Athleten werden?
Poschmann: Ich halte nichts von Medaillenprognosen. Sie zu formulieren und auszusprechen, ist nicht hilfreich. Es ist geradezu fahrlässig. Funktionäre machen diese Vorgaben, obwohl man im Leistungssport als Aktiver schnell eine wichtige Sache lernt: Du kannst deine eigene Leistung durch Training beeinflussen, aber nicht den Erfolg. Der ergibt sich durch die Leistungen anderer - darauf hast du selbst keinen Einfluss. Das gilt auch für den Fußball und alle anderen Sportarten. Man kann mit einer Topleistung Vierter werden und somit keine Medaille gewinnen - dann hagelt es Kritik. Andererseits reicht manchmal eine mittelmäßige Leistung, um Olympiasieger zu werden. Dann heißt es in der Öffentlichkeit, man habe alles richtig gemacht, obwohl es nicht stimmt. Prognosen bei Olympia sind eigentlich unseriös.
teleschau: Dennoch kann man von einem gewissen Leistungsniveau sprechen - so wie bei der Euro 2012, wo man sich relativ sicher sein konnte, dass die deutschen Fußballer aufgrund der Qualität im Kader ein hohes Niveau erreichen ...
Poschmann: Die deutsche Leichtathletik hat sich nach dem Tief, insbesondere dem von Peking, gut erholt. Dennoch gibt es einen interessanten Trend zu beobachten, der stellvertretend für den Zustand des gesamten deutschen Sports ist. Wir sind in wenigen Disziplinen weltklasse, die alle eines gemeinsam haben: Sie werden mit einem hohen technischen oder organisatorischen Aufwand betrieben. Hammerwerfen, Diskus, Hochsprung - da brauchen Sie Anlagen, Technik, hochwertiges Gerät. Alles, was einfach und billig ist, da haben wir den Anschluss an die Weltspitze verloren. Vor allem in den Laufdisziplinen zeigt sich das.
teleschau: Hat dies etwas mit fehlendem Hunger nach Erfolg zu tun?
Poschmann: Es gibt viele Gründe. In Afrika wachsen die Menschen mit besseren Genen für den Ausdauersport auf. Teilweise in großer Höhe, was ihnen mehr rote Blutkörperchen und ein besseres Sauerstoffaufnahmevermögen gibt. Dazu kommt die bessere soziale Umgebung: kein Fastfood oder Süßigkeiten, ursprüngliche Nahrungsmittel. Und dann die soziale Komponente. Wer sich durch die Läuferkarriere eine Teeplantage oder ein paar Kühe kaufen kann, ist ein gemachter Mann. Bei uns kann sich fast jeder ein Apartment und ein gebrauchtes Cabrio leisten - ohne Topleistungen zu bringen. Deutschland holt überall dort Medaillen, wo es teuer oder der Aufwand groß ist: Fechten, Rudern, Sport mit Booten oder Pferden, im Triathlon oder Radfahren, wo Rennmaschinen 6.000 oder 12.000 Euro kosten. Bobfahrer testen ihre Hightechgeräte in Windkanälen der Autoindustrie und so weiter. Es gibt durchaus Länder in Europa, die wegen dieser Erkenntnis nur noch solche teuren und aufwendigen Sportarten fördern.
teleschau: Olympia ist immer eine Chance für Randsportarten, um in den Fokus der breiten Öffentlichkeit zu geraten. Meist hört dieses Interesse direkt nach den Spielen auf. Gibt es Gegenbeispiele?
Poschmann: Ein paar wenige. Ich glaube, dass Beach Volleyball in Deutschland durch die Übertragungen aus Bondi Beach während Sydney 2000 dauerhaft gewonnen hat. Diese Partyatmosphäre, der hohe Schauwert - das war eine Initialzündung. Es gibt aber weitaus mehr Beispiele von Sportarten, bei denen das nicht funktioniert hat.
teleschau: Ist das Fernsehen nicht selbst daran schuld, dass viele Sportarten keine Chance haben? Weil zwar jedes Testspiel im Fußball übertragen wird, aber verhältnismäßig selten hochklassige Wettbewerbe anderer Sportarten?
Poschmann: Das ist ein ganz großer Trugschluss. Alle großen Fernsehsender in Deutschland versuchen immer wieder, bestimmte Sportarten zu pushen, indem sie diese übertragen und zum Event aufbauen. Geklappt hat kaum etwas, denn die Zuschauer sind nicht dumm. Sie lassen sich nichts als Event verkaufen, was für sie keines ist. Selbst Sportarten, die wie Tennis lange im TV etabliert sind, können zu Quotenkillern werden - zum Beispiel, wenn keine deutschen Erfolge oder Typen dabei sind. Reiten, Leichtathletik, Wintersport - was haben wir da für viele Stunden gesendet? Am Ende bleiben ein paar ganz klare Erkenntnisse: Olympische Spiele und Weltmeisterschaften in Mannschaftssportarten funktionieren. Basketball, Handball, Frauenfußball - selbst Hockey geht richtig gut. Da haben Sie Quoten, die an Männerfußball heranreichen. Die Ligen als solche funktionieren hingegen nie. Nicht beim Basketball, nicht beim Frauenfußball und noch nicht einmal beim Handball mit der deutschen als stärksten Liga der Welt. Olympia ist für viele Sportarten die einzige Chance, richtig Aufmerksamkeit zu bekommen - um dann wieder vier Jahre auf sie zu warten.
Eric Leimann





