Kino / Portraits

Komisch in Serie

Bjarne Mädel spielt in "Mord mit Aussicht" (Di., 28.08., 20.15 Uhr, im Ersten)

Er sieht aus wie der deutsche Jedermann und ist gerade deshalb eine der auffälligsten Figuren im deutschen TV. Bjarne Mädel, vor 44 Jahren in Hamburg geboren, lernte sein Handwerk an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam. Er spielte an Edelbühnen wie dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, ehe ihm "Stromberg"-Autor Ralf Husmann die Rolle des Muttersöhnchens Ernie Heisterkamp gab. Weil Husmann und andere Mädels Talent erkannte, folgte mit "Der kleine Mann" (ebenfalls bei ProSieben) eine eigene, humoristisch gewagte Serie mit Bjarne Mädel in der Hauptrolle - die jedoch floppte. Anfangs ein Misserfolg war auch die für ARD-Primetime-Verhältnisse äußerst skurrile Serie "Mord mit Aussicht", die erst in der Wiederholung auf neuem Sendeplatz zum (erfolgreichen) Kult wurde. Am Dienstag, 28.08., 20.15 Uhr, startet die zweite Staffel mit 13 neuen Folgen mit Bjarne Mädel in der Rolle des Polizisten Dietmar Schäffer. Mittlerweile kann sich der Schauspieler vor Angeboten kaum noch retten. Dennoch bleibt sein (Humor)anspruch an die eigenen Rollen hoch. Eine Strategie, die im März 2012 mit einem Grimmepreis für die neue NDR-Serie "Der Tatortreiniger" honoriert wurde.

teleschau: "Mord mit Aussicht" lief erstmals vor vier Jahren montags und war ein Quotenflop. Dann versuchte man es zwei Jahre später am Dienstag - und war erfolgreich. Ist beim Fernsehen der Sendeplatz wichtiger als Qualität?

Bjarne Mädel: Das könnte man daraus schließen. Ich glaube, montags schauten uns drei Millionen Leute zu und am Dienstag sechs Millionen - zur gleichen Sendezeit. Das ist schon einigermaßen verrückt.

teleschau: Wird man als Schauspieler mit dem Erfolg oder Misserfolg einer Serie identifiziert, hat aber wenig Einfluss darauf?

Mädel: Der Einfluss ist tatsächlich gering - wenn man bedenkt, wie wichtig der Sendeplatz ist. Meine ProSieben-Serie "Der kleine Mann" wurde am späten Donnerstagabend versendet - das hat damals keinen interessiert, obwohl die Serie sehr hochkarätig besetzt war. Am Dienstag bei der ARD wäre sie bestimmt ein Knüller gewesen (lacht). Ein anderes Beispiel: "Mord mit Aussicht" wurde am Vorabend wiederholt, um diese neue "Heiter bis tödlich"-Reihe anzuschieben, die später auf dem gleichen Sendeplatz starten sollte. Das hat uns schon geärgert, man hat schließlich nicht für den Vorabend unterschrieben.

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teleschau: Immerhin zeigt es, dass "Mord mit Aussicht" zum Vorbild geworden ist. ARD-Fernsehmacher nennen sie als leuchtendes Beispiel für anspruchsvollen und doch erfolgreichen Humor zur Primetime ...

Mädel: Ich bin auch stolz darauf, dass wir das mit dieser Serie geschafft haben. Ich bin jedoch nicht stolz darauf, dass wir kopiert werden, sondern finde es eher schade. Das ist leider ein Trend im deutschen Fernsehen: Wenn eine Sache Erfolg hat, versucht man, diesen Erfolg zu kopieren. Anstatt sich etwas Eigenes auszudenken. Das Prinzip führt zu einer schnellen Sättigung des Marktes und damit zu kurzlebigen Produkten. Originalität wird so niedergetrampelt und langlebiger Erfolg eigentlich von den TV-Machern selbst verhindert.

teleschau: Sie waren früher mal am Hamburger Schauspielhaus - waren Sie da auch schon komisch?

Mädel: Das war in den fünf Jahren, die ich engagiert war, auch dort nicht immer zu verhindern.

teleschau: Können Sie sich an Ihre letzte Rolle erinnern, die nicht komisch war?

Mädel: Das könnte eine Rolle im "Polizeiruf" gewesen sein - da war ich ein Kriegsheimkehrer, der im Rollstuhl sitzt. Tatsächlich nicht besonders komisch. Es stimmt aber schon, dass ich in den letzten Jahren im Fernsehen überwiegend komische Rollen gespielt habe. Trotzdem waren es sehr unterschiedliche Charaktere, insofern habe ich kein Problem damit. Mir ist wichtig, dass ich mit guten Kollegen arbeiten darf und dass die Bücher Qualität haben.

teleschau: Müssen Sie bewusst gegensteuern, um nicht das Image des Clowns zu manifestieren?

Mädel: Wenn ich morgen das zehnte Angebot bekomme, einen etwas trotteligen Polizisten zu spielen, sage ich zum neunten Mal nein. Ich finde es eher beschämend für die Leute, die mir so etwas anbieten. Trotzdem passiert es mir oft. Genauso erhalte ich immer wieder Angebote, einen trotteligen Typen zu spielen, der noch bei seiner Mutter lebt und Probleme mit Frauen hat. Dann sage ich, dass ich dasselbe doch schon seit fünf Staffeln bei "Stromberg" spiele, mich diese Figur deshalb nicht wahnsinnig reizt und hoffe auf Verständnis ...

teleschau: Sie spielen tatsächlich viele Serienfiguren - bei "Stromberg", "Mord mit Aussicht", nun beim "Tatortreiniger". Blockiert man durch so viele wiederkehrende Figuren nicht ein wenig die eigene Kreativität?

Mädel: Nun ja, das tut man vielleicht. Sich darüber zu beschweren, wäre allerdings jammern auf sehr hohem Niveau. Schließlich sind das alles tolle Figuren, man hat Arbeit und ist ja auch glücklich, wenn etwas so erfolgreich oder gut ist, dass es weitergeht. Trotzdem habe ich natürlich ab und zu das Gefühl, man hat die gleiche Szene schon mal gespielt. Wenn Dietmar Schäffer in seiner Polizeiuniform auf der Wache sitzt und sagt: "Mann, Mann, Mann - hier ist vielleicht wieder was los"-, dann weiß ich, dass ich das schon mal erlebt habe. Andererseits leben Komödien auch gerade von solchen Wiederholungen.

teleschau: Hat sich der Humor im deutschen Fernsehen in den letzten zehn Jahren verbessert?

Mädel: Ich glaube, die Art zu spielen hat sich verändert. Nehmen Sie "Stromberg". Da wird vieles einfach so weggesprochen. Man nuschelt. Lustige Szenen werden im Spiel bewusst in die Unschärfe genommen. Ich würde sagen, das beiläufige Spiel mit Humor ist im deutschen Fernsehen angekommen. Die Zeiten der ausgestellten Komik, das Holzhammerlachen der Marke Dieter Hallervorden - das ist, glaub' ich, vorbei.

teleschau: Worüber lachen Sie selbst im deutschen Fernsehen?

Mädel: Ich habe befürchtet, dass eine solche Frage kommt (lacht). Den "Tatort" aus Münster gucke ich gerne. Ich schaue aber vor allem amerikanische und englische Serien auf DVD. Gerade habe ich die achte Staffel der HBO-Serie "Curb Your Enthusiasm" mit Larry David gesehen. Das ist der Produzent und Autor von "Seinfeld". Die Serie trifft sehr häufig meinen Humornerv.

teleschau: Können Sie uns noch ein paar Humortipps geben?

Mädel: Natürlich alles von Ricky Gervais, dem englischen Hauptdarsteller vom "Stromberg"-Vorbild "The Office". Dazu "Arrested Development" - eine amerikanische Sitcom, die ist sehr empfehlenswert. Auch über "My Name is Earl" kann ich lachen. Aber man sollte diese Serien im Original sehen. Da ich das Glück hatte, eine Weile in Amerika zu leben, kann ich das auch alles ganz gut verstehen. Wenn es mir zu anstrengend wird, mache ich die Untertitel an.

teleschau: Was haben Sie in Amerika gemacht?

Mädel: Ich bin nach dem Abi ausgemustert worden, weil ich immer wahnsinnige Migräneanfälle hatte - das war mein erster Erfolg als Schauspieler. In der dadurch frei gewordenen Zeit habe ich in Kalifornien gearbeitet, unter anderem Literatur und kreatives Schreiben studiert. Irgendwie ging es für mich dann aber dort nicht weiter. So bin ich über Umwege nach Deutschland zurückgekommen.

teleschau: Unser Glück. Ist das Leben in der Eifel denn spannender als in Kalifornien?

Mädel: Na ja, bei uns wird ja auch ein bisschen geschummelt. Wenn wir "Mord mit Aussicht" drehen, wohne ich in Köln. Zum Drehen fahren wir oft ins Bergische Land. Die Eifel ist halt doch ein Stückchen weiter weg. Seien wir ehrlich - ein Fachwerkhaus ist ein Fachwerkhaus. Aber manchmal drehen wir schon auch in der Eifel.

teleschau: Wie lange waren Sie für die neue Staffel Dietmar Schäffer?

Mädel: Für 13 neue Folgen waren das 117 Drehtage. Gearbeitet wurde von Montag bis Freitag in zwei Blöcken - einer letztes Jahr und einer dieses Jahr. Ich war natürlich nicht an allen Drehtagen dran, aber ich bin schon einige Monate mit Vollbart rumgelaufen und in Köln fast ein bisschen heimisch geworden ...

teleschau: Wie gefällt ihnen als Hamburger das Leben in Köln?

Mädel (lacht): Die Stadt ist wie eine riesige Fußgängerzone, durch die auch Autos fahren dürfen. Nein, im Ernst: Köln ist extrem hässlich, aber die Menschen ja zum Glück nicht. Insofern mag ich es mittlerweile sehr, dort zu sein.

teleschau: Für "Der Tatortreiniger" bekamen Sie zuletzt den "Grimmepreis" - obwohl das ein neues, völlig unbekanntes Format ist. Wie überrascht waren Sie?

Mädel: Ich war sehr überrascht, aber wir haben uns natürlich extrem darüber gefreut. Ich hoffe ein bisschen, dass damit vielleicht auch meine Arbeit der letzten Jahre ausgezeichnet wurde. Dass man sah: Aha, da ist einer, der hat jetzt "Stromberg", "Mord mit Aussicht" und nun eben dieses Format gemacht. Dass man das ein bisschen wie einen Sammelpreis für mich als Schauspieler verstehen kann, das fände ich gut. Weil - normalerweise muss man ja erst mal zeigen, dass man eine Serie über einige Zeit auf hohem Niveau halten kann - wir bekamen den Preis schon nach vier Folgen. Vielleicht war es aber auch ein bisschen eine politische Entscheidung nach dem Motto: Wir wollen, dass so etwas gemacht und fortgesetzt wird.

teleschau: Hat der Preis einen Ehrenplatz bei Ihnen?

Mädel: Ja, tatsächlich - den hat er. Der steht bei mir im Bücherregal - da, wo man ihn auch sieht. Meine anderen Preise stehen in der Agentur. Aber den Grimmepreis gucke ich mir immer wieder gerne an.

Eric Leimann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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