Kino / Portraits

"Über den Tod kann man nur flapsig reden"

Christoph Maria Herbst spielt in "Und weg bist Du" (Di., 04.09., 20.15 Uhr, SAT.1) den leibhaftigen Tod

Man hört das ja oft: dass der Tod zum Leben dazugehört. Das ist leicht dahingesagt und im Ernstfall doch schwer zu akzeptieren. Im SAT.1-Film "Und weg bist Du" (Dienstag, 4. September, 20.15 Uhr, SAT.1) gehört der leibhaftige Tod aber ganz zweifellos zu den Hauptfiguren. Christoph Maria Herbst spielt den Sensenmann mit schwarzer Langhaarperücke, blauen Kontaktlinsen und großer melancholischer Schwere. Er soll einer überaus sympathischen Krebspatientin, gespielt von Annette Frier, das Lebenslicht auspusten, mag aber nicht. Zu sehen gibt es also das Gipfeltreffen des "Stromberg"- und des "Danni Lowinski"-Stars, das es tatsächlich noch nie vor der Kamera gab. Vor allem aber ist der tragikomische Film ein außergewöhnlich couragierter Beitrag zu einem denkbar schwierigen Thema. Warum der 46-jährige Wahlkölner Herbst bei letzten Dingen keine falsche Scheu kennt, kann er ziemlich gut erklären.

teleschau: Herr Herbst, was denkt sich ein Schauspieler, wenn er als Rolle den leibhaftigen Tod angeboten bekommt?

Christoph Maria Herbst: Das ist natürlich eine Rolle, vor der viele Schauspieler zurückschrecken. Dass die ausgerechnet auf mich gekommen sind, ist aber eine große Freude. Ich bin vielleicht blöd genug, mich solchen Aufgaben zu stellen.

teleschau: Ihr Sensenmann ist überraschend melancholisch.

Herbst: Absolut. Wir reden hier vom leibhaftigen Tod, okay. Aber wenn man sich darauf erst mal eingelassen hat, dann muss man den mit menschlichen Attributen ausstatten, sonst kann ich mich der Figur mit schauspielerischen Mitteln nicht nähern. Ich glaube, der ist in so ner Midlife-Crisis. Der zaudert und verzagt. Der ist ein einsamer Hund. Diese morbide, melancholische Aura war etwas völlig Neues für mich, so etwas hatte ich noch nicht gespielt.

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teleschau: Die zärtliche Szene am Ende mit Annette Frier als todgeweihter Krebspatientin: War das der seltsamste Filmkuss Ihrer Karriere?

Herbst: Es ist vor allem einer der wenigen Filmküsse, die ich überhaupt machen durfte. Normalerweise bin ich immer der, der zuguckt, wie andere sich küssen, und dabei neidvoll an den Fingernägeln kaut. Vor dem Hintergrund war das eine besondere Szene und auf die spezielle Situation bezogen umso mehr. Annette Frier zu küssen, hat aber sehr viel Freude gemacht. Das ist eine unfassbar sympathische Kollegin. Das war das erste Mal, dass uns das Schicksal bei einem Film zusammengeführt hat, und wir hoffen beide, dass es nicht das letzte Mal war.

teleschau: Was soll uns der Filmkuss denn sagen? Dass man den Tod umarmen muss, weil der ja auch nur seinen Job macht?

Herbst: Ja, das würde ich genauso flapsig formulieren. Über den Tod kann man ja überhaupt nur flapsig reden, weil man sich sonst in Sätzen verliert, die der Thematik nicht mehr gerecht werden. Ich finde, dass der Tod zum Leben dazugehört. Man sollte den weder mystifizieren noch verdrängen. Wir verdrängen in unserer Gesellschaft ja schon die Alten, die dem Tod gemeinhin näherstehen als die Jüngeren. Weil wir nichts damit zu tun haben wollen - da sollen sich mal andere drum kümmern. So ist unser Kulturkreis aufgestellt. Mit dem Tod gehen wir alles andere als entspannt um.

teleschau: Sie etwa schon?

Herbst: In meinem Leben ist das anders. Schon als Heranwachsender beschäftigte ich mich mit dem Gebiet der Thanatologie, der Sterbeforschung. Ich las Autoren wie Elisabeth Kübler-Ross und Raymond A. Moody, die Menschen mit Nahtoderfahrungen befragten. Das hat mich fasziniert. Nachdem ich die Bücher las und ihnen Glauben schenkte, hat mich das mit einer großen Gelassenheit ausgestattet. Gelassenheit ist überhaupt ein wichtiges Stichwort. Das zeigt sich auch am Ende des Films: In dem Moment, da Jela den Tod akzeptiert, wird es für alle plötzlich einfacher. Ich empfinde die Schlussszenen als sehr versöhnlich.

teleschau: Für eine Komödie steckt ganz schön viel Melodramatik in dem Film.

Herbst: Das stimmt. Und ich bin wahnsinnig froh, dass sich der Sender entschieden hat, den Film offiziell als Tragikomödie anzukündigen. Nur dieser etwas sperrige Ausdruck wird dem Film gerecht, wenn man keinen Etikettenschwindel betreiben möchte. Es ist eine tolle Mischform. Mich hat der Film berührt. Gleichzeitig gab es viele Stellen, an denen ich schmunzeln oder lachen musste. Dass all dies in einem eigentlich stinknormalen SAT.1-90-Minüter möglich ist, finde ich erfrischend. SAT.1 traut sich da was. Sich auf diese Weise dem Thema Sterben und Krebs zu nähern, ist schon ungeheuerlich ...

teleschau: So ungeheuerlich, dass mancher die Pietätfrage stellen könnte?

Herbst: Das kann sein. Auf die Debatte bin ich sehr gespannt. Annette und ich werden das aushalten.

teleschau: Glauben Sie, dass auch Betroffene etwas mit der Erzählweise anfangen können?

Herbst: Darauf fällt mir die Antwort wahnsinnig schwer. Auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es leider viel zu viele Menschen, die unter dieser schlimmen Krankheit leiden. Es wäre sehr spannend zu sehen, wie ein solcher Mensch auf den Film reagiert. Es hat ganz sicher auch jeder seine eigene Art, mit etwas so Schrecklichem wie Krebs umzugehen. Aber Lachen gehört zum Leben dazu - wie auch der Tod. Ich weiß von Menschen, die dem Krebs eine lange Nase drehen konnten, weil sie es schafften, der Krankheit mit einer lebensfrohen Haltung zu begegnen. Das kann funktionieren.

teleschau: Können Sie sich noch an Ihre erste Berührung mit dem Thema Tod erinnern?

Herbst: Sehr gut sogar. Als meine Oma väterlicherseits starb, kriegten wir in aller Herrgottsfrüh einen Anruf aus dem Krankenhaus, dass sie es nicht geschafft habe. Das war meine absolute Lieblingsoma. Ich muss etwa 13 Jahre alt gewesen sein, bekam das also sehr bewusst mit. Sie müssen jetzt einen merkwürdigen Eindruck von mir bekommen: Aber in der Zeit danach hatte ich eine Richard-Strauss-Phase ...

teleschau: Bitte?

Herbst: Es gibt eine wunderbare Tondichtung von Strauss, die heißt "Tod und Verklärung". Ich hatte damals einen kleinen Philips-Schallplattenspieler, bei dem der Deckel gleichzeitig als Lautsprecher fungierte. Nachdem meine Oma starb, zog ich mich mit dem Gerät in mein Zimmer zurück und hörte immer wieder "Tod und Verklärung" von Richard Strauss. Die Mittel der Kunst halfen mir bei meiner akuten Trauerarbeit, das war fantastisch! Das Werk hat mich abgeholt. Ich kann es nur weiterempfehlen.

teleschau: Fanden die Eltern Ihr Verhalten gar nicht seltsam?

Herbst: Nee, ich hab das nicht an die große Glocke gehängt. Sie sind, glaube ich, der Erste, dem ich das überhaupt erzähle. Ich fand das als Kind auch gar nicht so sonderbar. Der Strauss war einfach mein Sauerstoffzelt in dem Moment.

teleschau: Und die Gelassenheit haben Sie sich wirklich bis heute bewahrt? Steckt nicht mal ein kleiner Hypochonder in Ihnen?

Herbst: Gut, ich werde in 14 Jahren auch schon 60. Es könnte also auch auf mich zukommen, dass ich mal unter der Dusche stehe und den Körper waschend nach Knubbeln abtaste. Aber dann bin ich nicht derjenige, der sofort zu allen Ärzten rennt. Davon abgesehen habe ich überhaupt keine Ärzte. Ich wüsste nicht, was ich bei denen soll. Ich habe ein gesundes Körpergefühl und kann gut in mich hineinspüren. Ich lasse mich auch nicht von den Medien verrücktmachen. Neulich las ich: Die Syphilis hat Deutschland fest im Griff. Deswegen laufe ich doch nicht los und verlange nach einer Impfung! Ich war allerdings vor ein paar Monaten zum ersten Mal beim Osteopathen.

teleschau: Was ist das noch gleich?

Herbst: Ich meine verstanden zu haben, dass Osteopathie eine sanfte Mischform aus Shiatsu-Massage und Reiki ist. Der Studiengang ist unfassbar kompliziert. Die Kasse lächelt trotzdem nur darüber, man muss es selbst zahlen. Aber es hilft! Nach einem Sturz hatte ich mir das Knie verdreht. Also legte ich mich auf Empfehlung eines Bekannten eine Stunde lang auf so eine osteopathische Pritsche, danach waren die Schmerzen weg! Jetzt kann man natürlich sagen: Es lebe die Autosuggestion! Ja gut, dann ist es halt so. Dann ist mein Geist offenbar so stark, dass er meine Selbstheilungskräfte aktiviert.

teleschau: Reden wir über die Selbstheilungskräfte des Fernsehens. Haben Sie den Eindruck, dass auch dank Ihrer Arbeit in der Comedy Bereiche erschlossen werden, die es hierzulande früher nicht gab?

Herbst: Das stimmt. Aber wenn Sie auf "Stromberg" anspielen: Das ist die Adaption eines britischen Formats und eben nicht deutscher Provenienz. Wir gucken erst mal, was woanders funktioniert hat. Das hat viel mit Angst zu tun. Denn wenn's am Ende floppt, kann man sagen: "Sorry, im Ausland hatte das Erfolg. Ist also nicht unsere Schuld."

teleschau: Und die öffentlich-rechtlichen Redakteure?

Herbst: Auch bei denen herrscht Angst. Das Totschlagargument öffentlich-rechtlicher Redakteure lautet oftmals: "Das können wir unserem Publikum nicht vorsetzen." Ich persönlich würde mir mehr Aufbruchstimmung wünschen. Wobei man durchaus auch mal eine Lanze brechen muss, anstatt immer nur Stäbe. Im ZDF sehe ich "Pelzig", "Neues aus der Anstalt", die "heute-show". Solche Sendungen wären vor 15 Jahren im ZDF noch undenkbar gewesen. Das sind kleine Schritte in die richtige Richtung.

teleschau: Hat eigentlich nie mal jemand bei ARD oder ZDF versucht, Sie zu engagieren?

Herbst: Wir können offen reden: Leider höre ich von denen überhaupt nichts. Ich bin ja noch nicht mal bei einem dieser inflationär vielen "Tatorte" in Frauenkleidern hinten durch die Unschärfe gelaufen. Nicht mal das lässt man mich machen! Irgendwie haben die mich noch nicht wahrgenommen.

teleschau: Warten denn vielleicht bei Ihrer Heimatsendergruppe neue Herausforderungen auf Sie? Harald Schmidt hat bei SAT.1 ja unlängst einen Humor-Sendeplatz freigemacht.

Herbst: Ich werde den Teufel tun, die immer mal aufflackernde Gerüchtelage zum Thema Late Show anzufachen. Ich bin nach wie vor sehr weit von so einem Format entfernt. Aber wenn Sie nach Herausforderungen fragen: Die bin ich angetreten. Es wird im Herbst ein zweiter "Kreutzer kommt"-Film ausgestrahlt - bei demselben Sender, der "Stromberg" zeigt. Das finde ich mutig von ProSieben, dass sie nicht auf der Gleichung "Herbst gleich Stromberg" beharren.

teleschau: Was ist eigentlich der aktuelle Stand bei der Realisierung des geplanten "Stromberg"-Kinofilms?

Herbst: Der Fan hat per Crowdfunding eine Million Euro investiert. So etwas hat es in diesem Land noch nicht gegeben! Meinen Informationen nach hat sich unser Head-Autor Ralf Husmann mit dem Geld auch nicht vom Acker gemacht. Es gab lediglich terminliche Schwierigkeiten, weshalb wir den Drehstart ein halbes Jahr nach hinten schieben mussten. Nächstes Jahr soll es nun losgehen. Ich hoffe, mit dem Drehbuch wird es sich am Ende wie mit einem guten Wein verhalten, der mit der Zeit immer besser wird.

Jens Szameit

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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