Für Weltraumstrategen ist die Zeit im Jahr 1996 stehen geblieben. Damals erschien "Master of Orion 2" - so etwas wie der Fixstern unter den rundenbasierten All-Macht-Spielchen. Seitdem konnte kein weiterer Genre-Vertreter Komplexität und Spieltiefe mit einer derart gelungenen Benutzerführung verbinden. Das Studio Amplitude plant mit "Endless Space" die Wachablösung. Bei der Entwicklung ihres Debüts, das seit Kurzem über die Online-Plattform Steam erhältlich ist und am 24. August als "Emperor Special Edition" klassisch in den Handel kommt, vertrauten die Franzosen in erster Linie auf das Wissen und die Meinung der Massen ...
"Games2Gether" heißt das Konzept, das "Endless Space" zugrunde liegt. Und die Idee dahinter ist denkbar einfach: Vorbesteller bekamen Zugang zu frühen Versionen des Titels und konnten sich durch konstruktives Feedback aktiv an Entwicklung beteiligen. Amplitude programmierte also das, was der Kunde wollte.
Herausgekommen ist ein rundenbasiertes Strategiespiel in schönster "4X"-Tradition - ein Begriff, der für die Kernelemente "eXplore", "eXpand", "eXploit" und "eXterminate" steht. Auf Deutsch: erkunden, expandieren, ausbeuten, auslöschen.
In "Endless Space" startet man mit einem von acht vorgefertigten Völkern ins Rennen um die Vorherrschaft im Universum. Manche davon sind clevere Wissenschaftler, andere geschickte Diplomaten, erbarmungslose Krieger oder ... schrecklich weise Amöben. Alternativ bastelt man sich kurzerhand seine Wunschrasse aus Versatzstücken sowie diversen Vor- und Nachteilen zusammen.
Von einem zufälligen Startpunkt aus reist man fortan ohne schweres Story-Gepäck (eine kleine Videosequenz zeigt die Motive der gewählten Fraktion) durch die Weiten des Pixelalls - stets auf der Suche nach Sonnensystemen, die sich kolonisieren lassen. Anfangs kommen nur lebensfreundliche Wasser- und Erdplaneten in Frage, entsprechend gering sind die Möglichkeiten. Extremere Gegenden lassen sich erst später besiedeln.
Jeder Planetentyp besitzt dabei verschiedene Eigenschaften: Dschungelwelten beispielsweise produzieren Nahrung in rauen Mengen, auf Eisplaneten blüht dagegen die Erkenntnis. Glühende Lavabrocken versprechen wertvolle Industrie-Boni, bestimmte Gasriesen jede Menge "Dust" - die Währung in "Endless Space", Beschleunigungshilfe für interstellare Baumaßnahmen und systemweite Verbesserungen sowie Lockmittel für gestandene Weltraumhelden, von deren ausbaufähigen Talenten einzelne Flotten oder ganze Sternensysteme profitieren.
Das Jonglieren mit den Eigenheiten der Planeten, die obendrein positive wie negative "Anomalien" aufweisen können, sowie die Verwaltung des wachsenden Sternenimperiums erfordern trotz ausführlicher Tutorials und aufgeräumter Menüs etwas Übung. Die Feinheiten offenbaren sich sogar erst nach ein paar Partien. Erst dann bekommt man ein Gefühl dafür, wie sich eine gesunde Balance aus territorialer Expanison, Wirtschaftswachstum, militärischer Stärke, Zufriedenheit der Bevölkerung, Besteuerung und wissenschaftlichem Fortschritt herstellen lässt. Letzterer ist entscheidend - und ein Fall für sich: Sämtliche Errungenschaften finden sich auf einem weit verzweigten Forschungsbaum wieder, der erst beim ganz genauen Hinsehen seine Geheimnisse preisgibt.
Nicht ganz so unübersichtlich sind die Menüs für die diplomatischen Beziehungen zwischen den Völkern und der Schiffsbaukasten, in dem sich Aufklärer, Kreuzer und Schlachtpötte mit den neuesten Waffen, Abwehrmechanismen und Hilfssystem bestücken lassen. Auf Wunsch geschieht das auch automatisch. Kommt es zur Begegnung mit verfeindeten Völkern oder ruchlosen Piraten, blendet "Endless Space" - ebenfalls optional - in eine hübsch animierte 3D-Sequenz über, in der die Schlachten mehr oder weniger ausgewürfelt werden. Spielkarten, die dem Stein-Schere-Papier-Prinzip folgen, versprechen ein wenig Taktik, öffnen dem Glücksfaktor aber Tür und Tor.
Die seichten Kämpfe sind eine der wenigen Schwachstellen von "Endless Space" - und werden bis zur Veröffentlichung der Box-Version hoffentlich noch verbessert. Schließlich wollen die Entwickler dem "Games2Gether"-Prinzip weiter folgen und das Feedback der User in künftige Patches und Erweiterungen einfließen lassen. Warnhinweise bei streikender Bevölkerung oder Misswirtschaft sowie ein paar Komfortfunktionen (etwa bei der etwas fummeligen Flottenverwaltung) sollten ebenfalls noch auf die To-Do-Liste für Amplitude - PC-Strategen mit Allmachtsfantasien aber nicht davon abhalten, einen Blick zu riskieren. Denn die zunehmende Komplexität in "Endless Space" sorgt dafür, dass man immer wieder eine neue Partie gegen die clever agierende Künstliche Intelligenz oder sieben menschliche Gegner startet - und selbst mitten in der Nacht nur schwer vom Knopf ablassen kann, der die nächste Runde einläutet.
Für die Wachablösung von "Master of Orion 2" reicht es allerdings nicht. Dazu fehlen "Endless Space" ein geschichtlicher Überbau, ein übergeordnetes Spielziel (wie etwa die Eroberung eines schwer bewachten Superplaneten) und ein paar atmosphärische Details - angefangen bei den sehr schlichten Diplomatieverhandlungen bis hin zur Siegesfeier, sollte man durch Bündnisse oder Eroberungen die Macht in der Galaxie an sich gerissen haben.
Gerd Hilber
| Game | |
|---|---|
| Spielname | Endless Space |
| Hersteller | Iceberg Interactive/Amplitude |
| Vertrieb | Koch Media |
| Genre | Strategie |
| Erhältlich ab | 24.08.2012 |
| Preis | ca. 30 Euro |
| EAN Code | 8718144471380 |
| Schwierigkeit | Für Fortgeschrittene |
| Alter | ab 12 Jahren |
| Multiplayer | 2-8 (WWW) |
| Bewertung Grafik | befriedigend |
| Bewertung Steuerung | gut |
| Bewertung Sound | befriedigend |
| Bewertung Spielspass | gut |
| Bewertung Gesamt | gut |
Erhältlich für:
PC

