Games / Reportage

Gratis ist geil?

Eine Branche im Umbruch: Free-2-Play heißt das Geschäftsmodell, auf das viele Aussteller der gamescom all ihre Hoffnungen setzen

Verschenken statt verkaufen: Bei der gamescom in Köln zeichnet sich eine Revolution in der Vermarktung von Videospielen ab. Viele halten den eingeschlagenen Free-2-Play-Weg für den einzig richtigen, andere für eine Einbahnstraße. Umkehr ausgeschlossen.

Viele der erwarteten 250.000 Besucher der gamescom dürften mit gemischten Gefühlen durch die Hallen von Europas größter Videospielemesse schlendern. Denn ihre Welt ist im Wandel. Die Digitalisierung ersetzt zunehmend den klassischen Laden- und Versandhandel. Kaum ein großer Hersteller, der nicht eine eigene Online-Vertriebsplattform besitzt oder zumindest plant, über die er seine Spiele direkt an den Mann, die Frau, das Kind bringen kann - ohne Provision bezahlen zu müssen. "Origin" heißt dieser Distributionskanal bei EA, "PlayStation Network" bei Sony - und "uPlay" nun bei Ubisoft. Pünktlich zur gamescom fiel der Startschuss für die Applikation, die Schaufenster, Resterampe, Kundencenter und Community in einem sein will.

Noch tiefgreifendere Auswirkungen dürfte allerdings das Free-2-Play-Prinzip haben, das jenes bewährte Geschäftsmodell ablösen soll, das die Branche in den letzten Jahren zu einem Milliardenmarkt heranwachsen ließ. Statt auch weiterhin Spiele für viele Euros anzubieten, wollen die Hersteller künftig ihre Software gratis im Netz verteilen, um letztlich die Massen zu erreichen und mit kleinen Cent-Beträgen für virtuelle Waren den großen Reibach zu machen.

Dass diese Idee nicht nur Chancen bietet, sondern auch ihre Tücken besitzt, muss derzeit ausgerechnet jene Firma am eigenen Leib erfahren, die den Boom erst auslöste: Das auf Browser- und Social-Games spezialisierte Unternehmen Zynga, innerhalb kürzester Zeit zum gefeierten Börsenmilliardär aufgestiegen, sieht sich zunehmend gelangweilten Usern und enttäuschten Anlegern gegenüber, die das Geschäftsmodell anzweifeln, bei der eine zahlende Minderheit das Gratis-Spiel der anderen finanziert.

mehr Bilder

Nichtsdestotrotz wagt die restliche Branche das Experiment: Ubisoft kündigte bei der gamescom einen kostenlosen Ableger seiner beliebten "Anno"-Reihe für das nächste Jahr an. Auch mehrere Online-Ableger der Fantasy-Strategiereihe "Might & Magic" sind geplant. Hinweise auf eine Browser-Version der "Silent Hunter"-Reihe tauchten indes schon vor der gamescom auf.

Konkurrent EA geht sogar noch einen Schritt weiter: Um den drastischen Strategiewechsel zu verdeutlichen, schickt der zweitgrößte Publisher, dessen Börsenwert sich im letzten Jahr trotz solider Umsätze halbiert hatte, eine seiner prominentesten Marken an die Free-2-Play-Front: "Command & Conquer". Der jüngst enthüllte und als Blockbuster gehandelte Ableger "Generals 2" wird nun gratis unters Volk gebracht. Das Spiel, das technisch dank der Shooter-Engine "Frostbite 2" höchsten Grafikansprüchen gerecht werden dürfte, soll im nächsten Jahr die Speerspitze einer Online-Plattform bilden, auf der künftig alle Titel der Echtzeitstrategie-Reihe gratis spielbar sein werden. Wie die Entwicklungskosten kompensiert werden sollen, verriet EA bei der gamescom allerdings nicht.

Auch die deutsche Firma Crytek plant den Radikalumbau. Drei sich in der Entwicklung befindliche Titel werden laut Cevat Yerli, Mitgründer des erfolgreichen Frankfurter Spielestudios, noch regulär in den Handel kommen - darunter das mit der eigenen Grafik-Engine umgesetzte Actionspektakel "Crysis 3". Danach werde man wohl dem klassischen Retail-Geschäft den Rücken kehren und nur noch auf Free-2-Play-Titel und Social-Games setzen. Qualitativ sollen diese dank zweistelligem Millionen-Budget jedoch deutlich hochwertiger als die bislang veröffentlichten Spielchen sein. Einen ersten Ausblick auf die Gratis-Zukunft bietet der Shooter "Warface". Das Geballere ist bislang nur in Russland auf den Markt, ist in absehbarer Zeit aber auch in Europa verfügbar.

Darüber arbeitet Crytek fleißig an Gface.com - eine Art Facebook für Spieler. Mittelfristig soll das Portal als soziales Netzwerk mit dem Schwerpunkt auf Gaming etabliert werden. "Play. Together. Live" lautet dabei das Credo der Plattform, das "die Art und Weise, wie wir miteinander spielen, wie wir miteinander interagieren", neu erfinden wollen. "Wir wollen, dass jeder überall kostenlos spielen kann", so Cevat Yerli. Dementsprechend wird das Portal plattformunabhängig sein und bekannte Features wie Freundeslisten und Statusupdates bieten. Darüber hinaus erfährt der Betreiber jede Menge Informationen über das Spielverhalten seiner User und kann seine Inhalte entsprechend anpassen.

Doch es gibt auch führende Köpfe, die dem Trend deutlich widersprechen - wie Jack Tretton, President und CEO von Sony Computer Entertainment America etwa. Der sieht in Free-2-Play, Social Gaming und Mini-Abos nicht die Zukunft des Marktes, sondern bestenfalls eine Ergänzung. Viele Firmen werden lernen müssen, dass es schwierig sei, das Gratis-Geschäft erfolgreich aufrechtzuerhalten. Das Geschäft mit klassischen Spielen und Plattformen werde dagegen auch langfristig rentabel bleiben. Schützenhilfe gibt's von Uwe Bassendowski, Deutschlandchef von Sonys Konsolengeschäft. Auch der glaubt, dass die Tragfähigkeit des Free-2-Play-Modells erst noch unter Beweis gestellt werden muss. Zumindest in den westlichen Märkten. In Asien, allen voran in China und Südkorea, hat sich das Konzept längst durchgesetzt.

Gerd Hilber

Quelle: "teleschau - der mediendienst"


Versenden Drucken

Weitere Artikel


Aktuelle Playlist

02:08:18
PHIL COLLINS
TWO HEARTS
Anzeige
Zur Startseite