Web / Reportage

Undemokratisch - wie alle anderen auch

Wieso die Einführung der Facebook-Chronik eigentlich nicht so schlimm ist

Das Ergebnis ist ernüchternd: 83 Prozent der befragten User lehnen die von Facebook angekündigten Neuerungen kategorisch ab, vermeldete das amerikanische IT-Sicherheitsunternehmen in seinem Blog "Naked Security". Eine bemerkenswerte Mehrheit. Vor allem bemerkenswert, weil sie sich etwa nicht gegen eine empörende Änderung der Nutzungsbedingungen formiert hat, oder sich (zu Recht) ängstigt, wie das Social Network mit ihren Daten umgeht: Ausgerechnet eine Änderung des Layouts ist es, die die Nutzer aufschreien lässt - Facebook beginnt mit der generellen Einführung seiner lebenslaufähnlichen Chronik.

Eigentlich sieht sie ja ganz schick aus, diese Chronik, die in den nächsten Wochen für jeden Nutzer eingeführt wird. Jedenfalls deutlich schicker als die Info-Seite, auf der im auslaufenden Design die User-Informationen stichpunktartig zusammengefasst werden. Ganz oben, unter der blauen Leiste, die auf erhaltene Nachrichten und Kommentare hinweist, erstreckt sich fast über die komplette Breite der Seite ein vom User gewähltes Foto: Das Titelbild, das Facebook als Cover eines Albums verstanden wissen möchte - denn im Prinzip ist Chronik nichts anderes als ein Album, das die Aktivitäten und Beiträge des Users in chronologischer Reihenfolge anordnet.

Folgerichtig befindet sich direkt unter dem Titelbild und einer schmalen Leiste mit Profilfoto und den wichtigsten Infos zum User ein Zeitstrahl, an dessen oberen Ende aktuelle Beiträge und am unteren Ende die Geburt des Users steht. Dazwischen bündelt Facebook nicht nur alte Statusupdates und Pinnwandeinträge, sondern auch die Eckdaten, die vom User bekannt sind. Wurde angegeben, wann welche Schule besucht wurde, findet sich im entsprechenden Jahr der passende Eintrag. Änderte sich im Verlauf der Mitgliedschaft der Beziehungsstatus, verortet Facebook das ebenfalls am entsprechenden Tag.

Und das ist das eigentlich Unheimliche an der Chronik: Sie fördert zu Tage, was die User eigentlich schon vergessen hatten. Sie offenbart, wie viel Facebook über seine Mitglieder weiß. Das ängstigte auch Graham Cluley, den Urheber der eingangs erwähnten, mit 4.000 Befragten übrigens nicht repräsentativen Studie: "Als ich die Facebook-Chronik aktivierte, war ich geschockt, wie viel ich in den letzten Jahren bei Facebook geteilt habe", schreibt der Blogger im zur Studie gehörigen Artikel. Er löschte daraufhin medienwirksam seinen Account.

Aber liegt in diesem Fall das Problem wirklich am neuen Layout? Ganz im Gegenteil: Es führt dem User doch detailliert vor Augen, wie sorglos oder sorgsam er in den letzten Jahren mit persönlichen Details umgegangen ist. Denn die Chronik ordnet die veröffentlichten Beiträge und Informationen lediglich anders an - an deren Umfang und Grad der Privatsphäre ändert sich nichts. Und die Beiträge aus vergangenen Jahren, von einem Algorithmus nun wieder an die Oberfläche geholt, waren vor der Umstellung ja auch nicht unsichtbar - man musste zuvor nur etwas länger scrollen.

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Darum hilft die Chronik den Facebookmitgliedern im Grunde nicht nur, aus ihren früheren Verfehlungen zu lernen, sie animiert auch dazu, diese besser zu tarnen: Jeder unüberlegte Beitrag, ob nun aktuell oder Jahre alt, lässt sich in der Chronik verbergen oder komplett löschen. Facebook selbst weiß dann zwar immer noch, dass es diesen Beitrag gab, doch immerhin ist er dann nicht mehr für Publikum auffindbar.

Sobald Facebook einen User persönlich per Mitteilung über die Umstellung seines Profils informiert, bleiben sieben Tage Zeit, die Chronik von "Jugendsünden" zu befreien, bevor sie schließlich online geht - was nicht heißt, das danach keine Chance mehr dazu besteht. Und die Option "Sichtbarkeit älterer Beiträge verwalten" in den Privatsphäre-Einstellung ermöglicht immerhin schon mal, auf einen Schlag alle älteren Beiträge nur für Freunde lesbar zu machen - übrigens kein neues Feature.

Für seine Verhältnisse macht es Facebook dem Nutzer bei der Layoutumstellung sogar vergleichsweise leicht zu kontrollieren, wieviel er wem gegenüber preisgibt: Direkt unter dem Titelbild prangt gut sichtbar neben der Schaltflächen "Informationen bearbeiten" und "Aktivitätenprotokoll" ein Zahnradbutton, hinter dem sich die Schaltfläche "Anzeigen aus der Sicht von ..." befindet. Mit einem Klick weiß der User, was Fremde oder Freunde durch seine Seite über ihn erfahren - bei vernünftigen Privatsphäre-Einstellungen ist das nicht gerade viel.

Natürlich zielt Facebook darauf ab, durch die Chronik dem User mehr Daten abzuringen. Der virtuelle Lebenslauf lässt sich mit sogenannten Lebensereignissen - vom Umzug bis zum Piercing - manuell ergänzen. Überall lädt die Schaltfläche "Foto hinzufügen" dazu ein, zusätzlich private Schnappschüsse ins Netz zu stellen. Doch der User ist in keinster Weise verpflichtet, der Aufforderung Folge zu leisten.

Zweimal überlegen sollten sich Facebookmitglieder eher, ob sie die sozialen Apps installieren, die seit der Einführung der Chronik ebenfalls verfügbar sind: Anwendungen wie "Soundcloud", "Yahoo! News" oder "Foodspotting" teilen den Facebookfreunden bei entsprechend großzügigen Einstellungen nämlich automatisch mit, welche Songs der User eben gehört oder welchen Artikel er zuletzt gelesen hat. Doch darüber beschweren sich interessanterweise die wenigsten.

Zwei Hauptärgernisse kristallisieren sich stattdessen in den Userkommentaren zum Thema heraus, sofern sie neben "Ich will die Chronik nicht!!!" noch eine Begründung enthalten. Das erste: Man könne bei der Chronik gar nicht mehr sehen, was die eigenen Freunde so treiben - das ist ein Trugschluss. Denn lediglich die Profilseite, auf der das jeweilige Facebookmitglied vorgestellt wird, erhält das neue Lebenslauflayout, in dem die Pinnwand gleich integriert ist. Die eigentliche Startseite, die die Statusmeldungen der anderen, die Veranstaltungen und den Chat beherbergt, bleibt nach wie vor erhalten und sieht aus wie eh und je. Und daran wird sich nach Angaben der deutschen Facebooksprecherin Tina Kulow auch mit der flächendeckenden Umstellung nichts ändern.

Am meisten erzürnt die Nutzer jedoch, dass Facebook das neue Design gegen ihren Willen einführt: "Undemokratisch" sei das, man sollte den Usern die Wahl lassen. "Es ist technisch auf Dauer nicht möglich, zwei Layouts zu haben", entgegnet Kulow, was angesichts der neunstelligen Nutzerzahlen einleuchtet. "Man kann mit einem Firefox- oder Explorer-Update vergleichen: Die alte Version läuft aus und wird gegen eine neue ersetzt." Und dafür initiieren auch andere - schon gar nicht Mozilla oder Microsoft - keine Nutzerabstimmung.

Annekatrin Liebisch

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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