Web / Reportage

Twittern - eine olympischen Disziplin

Wie das Olympische Komitee sich selbst ausbremst

Über das Logo lässt sich streiten. Über das Motto sicher auch. Doch dass es eine ziemlich gute Idee des Olympischen Komitees war, die verifizierten Twitter- und Facebookaccounts ehemaliger und aktueller Olympioniken zentral im "Olympic Athletes' Hub" zu bündeln, muss man neidlos anerkennen. Die mediale Sammelstelle wurde eingerichtet, "um Athleten und ihre Fans enger zu verbinden, als es jemals der Fall war", erklärte Alex Huot, IOC-Beauftragter für Soziale Medien, nicht ohne Stolz beim kürzlich erfolgten Launch. Doch angesichts der Social-Media-Richtlinie, die für die Olympischen Spiele in London (27. Juli bis 12. August) gilt, könnte sowohl Fans als Sportlern die Lust am Posten vergehen ...

Kurz vor Schluss, in Absatz 19.6.3 lässt das IOC die Bombe platzen: "Bilder, Video- und Audiomitschnitte der Spiele dürfen von Ticketbesitzern ausschließlich zu privaten Zwecken verwendet werden", heißt es in den Vertragsbedingungen beim Kauf von Tickets für die Olympischen Spiele. Die Verwirrung der Käufer, die sich tatsächlich durch das Dokument kämpften, war verständlicherweise groß: "Private Zwecke" ist schließlich ein sehr dehnbarer Begriff.

Für mehr Klarheit sollte ein dreiteiliger Tweet im offiziellen Twitteraccount zu den Spielen, london2012, sorgen: Besucher der Spiele dürften natürlich Bilder von den Spielen teilen, so lange sie damit kein Geld verdienten, versicherten die Organisatoren vor wenigen Tagen. Für nähere Informationen verwiesen sie auf die Social-Media-Richtlinie.

mehr Bilder

Tatsächlich wird darin die Frage, wer was posten darf, ausführlicher beantwortet - aber eine Reihe weiterer Fragen aufgeworfen. So sei es absolut in Ordnung, wenn ein Teilnehmer oder Zuschauer der Spiele einen persönlichen Blogeintrag, Post oder Tweet veröffentliche. Allerdings müssten diese in erster Person sowie Tagebuchform verfasst sein und sollten keinem journalistischen Zweck dienen. Darunter sei etwa zu verstehen, dass man nicht über den Wettbewerb oder die Aktivitäten anderer Teilnehmer beziehungsweise Zuschauer berichte. Wäre es demnach unzulässig, wenn Usain Bolt nach dem Zieldurchlauf seine neue Bestzeit twittert? Oder Serena Williams ihren Facebookfreunden mitteilt, wie gut sich ihre Schwester Venus schlägt? Videos aus dem Olympischen Dorf oder den Wettkampfstätten hochzuladen, ist übrigens Zuschauern wie Sportlern gleichermaßen untersagt.

Überhaupt werden die Athleten in den olympischen Wochen zweimal überlegen, bevor sie irgendetwas posten - schließlich wären da noch die Bestimmungen zum Schutz der Sponsoren: Per Tweet oder Statusupdate für eine Marke oder Firma zu werben, ohne dass das IOC seine Zustimmung gab - sprich: der betreffende Konzern zu den Hauptsponsoren der Spiele gehört - ist schon den Wettkämpfern strengstens untersagt. Von Lindt-Schokolade sollte Roger Federer während der Olympiade also lieber nicht schwärmen. Aber wäre er berechtigt, einen Schnappschuss mit einem Fan zu veröffentlichen, der nun dummerweise kein T-Shirt von Sponsor Adidas trägt, sondern auf seiner Kleidung gut sichtbar das Logo von Puma zur Schau stellt? Oder fiele das auch schon unerlaubte Werbung?

Überlegungen wie diese mögen kleinlich klingen, doch angesichts der angedrohten Strafen, die von Unterlassungsaufforderung über rechtliche Schritte bis hin zu "anderen Sanktionen durch das IOC" reichen, wäre es durchaus denkbar, dass die eigentlich zum Twittern und Posten angehaltenen Athleten vorsichtshalber lieber ganz den Mund halten. Immerhin war schon während der Olympischen Winterspiele 2010 die Verwirrung über die damalige Blogging-Richtlinie so groß, dass Sportler wie die Skirennläuferin Lindsey Vonn zunächst davon ausgingen, dass sie von ihren Erlebnissen in Vancouver gar nicht bloggen, twittern und bei Facebook schreiben dürften. Zumindest diese Unklarheit hat das IOC mit der Einführung des "Olympic Athletes' Hub" bereits ausgeräumt - und womöglich bringt das Herannahen des Olympischen Feuers ja noch etwas mehr Licht in das Dunkel des Olympischen Social-Media-Regelwerks.

Annekatrin Liebisch

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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