Web / Reportage

Look out for Outlook

Microsoft stellt mit Outlook.com die Zukunft von Hotmail vor

Mark Zuckerberg hatte bereits Ende 2010 keine schmeichelnden Worte mehr für die Email übrig: Zu langsam sei sie mittlerweile, und zu formell für die Digital Natives, die längst bevorzugt über Netzwerke, Messenger, SMS oder Tweets in Dialog treten - ohne sich eine Betreffszeile auszudenken oder jeden Diskussionsbeitrag mit Anrede und Verabschiedung einzurahmen. Natürlich musste Zuckerberg etwas dieser Art sagen, als er Facebooks Social Inbox vorstellte. Doch nun, eineinhalb Jahre später, steht er mit seiner Email-Kritik nicht mehr allein da. Das Ende der Email naht, prophezeien Tech-Journalisten. Microsoft, Eigentümer des Mailanbieter-Urgesteins Hotmail, nimmt diese Warnung ernst - und schlägt mit seinem potenziellen Hotmail-Nachfolger Outlook.com einen Kompromiss vor.

Chris Jones redet nicht um den heißen Brei herum: "Die Email verliert an Attraktivität, weil unsere Postfächer mit Newslettern und Social-Updates vollgestopft sind, und die Leute bleiben eher über ihre Netzwerk-Verbindungen als ihr Email-Adressbuch in Kontakt." Deshalb sei es für Microsoft an der Zeit gewesen, das Prinzip Email neu zu erfinden, resümiert der Projektmanager. Outlook.com heißt die Überarbeitung, die in absehbarer Zeit wohl Hotmail ablösen soll. Zumindest gestaltet es sich für Hotmail-User besonders einfach, zum neuen Programm zu wechseln, das nach Microsofts erfolgreicher Desktop-Applikation benannt wurde. Doch auch die Email-Accounts bei Fremdanbietern - "zum Beispiel Google Mail", wie der Begrüßungstext vorschlägt (Google-Seitenhieb Nummer eins) - sind auf Knopfdruck importierfähig. Im Gegensatz zu Mitbewerbern werde Microsoft übrigens davon absehen, Emailinhalte und -anhänge zu scannen und die abgeleiteten Informationen an Werbekunden verkaufen, versichert Jones in seinem Blogeintrag (Google-Seitenhieb Nummer zwei).

Die Nutzeroberfläche von Outlook.com wirkt angenehm reduziert und übersichtlich, aber auf den ersten Blick nicht weltbewegend anders als andere Mailprogramme. Man muss schon eine Weile klicken und probieren, bis der Hotmail-Erbe seine Geheimnisse preisgibt - oder der Benutzer durch Zufall darauf stößt. So führt beispielsweise eine Schaltfläche neben dem Posteingang schnell zu einem Menü, in dem sich das Outlook-Konto mit Facebook verknüpfen lässt. Twitter allerdings findet sich - trotz Ankündigung - nicht in der Liste der Dienste, mit denen eine Verbindung hergestellt werden kann. Warum das so ist, kann Microsoft Deutschland auf Nachfrage nicht beantworten. In der Rubrik "People", die über ein Drop-Down-Menü in der oberen linken Ecke erreichbar ist, versteckt sich schließlich die Importmöglichkeit für Twitterkontakte.

Ein wenig umständlich angesichts der Tatsache, dass dieses Feature ja der eigentliche Clou an Outlook.com sein soll: "Lesen Sie statt Werbung die Facebook-Updates und -Tweets Ihrer Freunde in Ihrem Posteingang", stellt die Begrüßungsmail schließlich in Aussicht. Heißt das, dass Statusupdates meiner Facebook-Kontakte nun als Email in meinem Postfach landen? Und die Tweets ebenso in Mailform ankommen? Praktisch wäre das - aber bei entsprechend vielen Twitter- und/oder Facebook-Bekanntschaften auch verdammt unübersichtlich. Was hätten außerdem Twitter und Facebook davon, wenn sich alles Interessante nun bei Outlook.com abspielen würde und sich niemand mehr bei den eigentlichen Netzwerken einloggte?

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Des Rätsels Lösung sieht wie folgt aus: Trudelt etwa eine Email von einem Facebook-Kontakt ein, erscheint nicht nur dessen Profilfoto in der Nachricht, sondern am rechten Rand auch die aktuellste Statusmeldung - inklusive "Like"- und Kommentar-Funktion. Gleiches Prinzip greift bei twitternden Bekannten. Um auch bei Freunden auf dem Laufenden zu bleiben, mit denen man nicht ständig hin- und herschreibt, werden Outlook.com-Nutzer also auch weiterhin bei Facebook oder Twitter vorbeischauen müssen. Anders sieht die Sache aus, wenn eine Nachricht auf der Pinnwand oder im Twitterfeed eines Freundes hinterlassen werden soll. Das lässt sich, wie auch der Facebook-Chat, ohne Zwischenschritt im Kontaktprofil des Betreffenden erledigen.

Nicht schlecht. Aber das und die geplante Skype-Anbindung sind neben dem neuen Design und Namen streng genommen auch schon die größten Veränderungen von Hotmail zu Outlook.com - wie Microsoft selbst in einer Übersicht unter outlookpreview.com verdeutlicht: In der Tabelle, die die Vorzüge des Outlook-Systems gegenüber Hotmail und Gmail (Google-Seitenhieb Nummer drei) visualisiert, nehmen sich die alte und die neue Microsoft-Mail-Lösung kaum etwas. Selbst die äußerst praktische Option, empfangene Office-Dokumente gleich im Posteingang zu bearbeiten und ohne Zwischenspeicherung auf dem Rechner zurückzuschicken, ist bei Hotmail schon verfügbar gewesen - nur wurde sie nicht so gut kommuniziert.

Es ist also nicht kein Rad, das Microsoft mit Outlook.com hier neu erfindet. Aber immerhin ein Rädchen, das mit seinen Zähnen in das Getriebe der Sozialen Netzwerke eingreift - und so die Email-Maschinerie am Laufen halten könnte. Für eine Weile, zumindest.

Annekatrin Liebisch

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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