Ein neues Mac OS - schon wieder? Gerade einmal ein Jahr nach der erfolgreichen Einführung von "Lion" veröffentlichte Apple mit "Mountain Lion" die nächste Komplettversion seines Betriebssystems als kostenpflichtigen Download in seinem App-Store. Für rund 16 Euro bekommt man nach der Installation der Versionsnummer 10.8 quasi einen neuen Mac - und einen Ausblick auf die Plattform-übergreifende Vernetzung, wie sie Apple, aber auch Microsoft und Google mit ihren Geräten und Online-Diensten anstreben. Viele der über 200 neuen Funktionen setzen auf die iCloud als Dreh- und Angelpunkt, andere stammen direkt von iPhone und iPad oder krempeln das System komplett um. Die wichtigsten Features nach einem zweiwöchigen Praxistest im Überblick.
Den kostenlosen Online-Speicher "iCloud" gibt's schon länger, doch mit "Mountain Lion" wird er zum zentralen Knotenpunkt für alle jene, die auch ein Smartphone und Tablet von Apple besitzen. Der Einrichtungsaufwand ist minimal, die Aktivierung weitreichend: Nach der Installation des Betriebssystems einfach Apple-ID eingeben (besitzt jeder iTunes-Nutzer) und Häkchen bei den gewünschten Optionen setzen - schon werden im Hintergrund sämtliche Daten, die bereits von anderen Apple-Geräten wie iPhone oder iPad in die Wolke ausgelagert werden, mit dem Rechner abgeglichen.
Wie von Geisterhand füllen sich so Kontakte, Notizen, Fotos, Erinnerungen, Kalendereinträge, Termine, Lesezeichen - und bleiben immer auf dem neuesten Stand. Fortlaufend wird synchronisiert, sofern eine Internetverbindung besteht. Wenn beispielsweise Termine oder Dokumente auf dem Mac bearbeitet oder gelöscht werden, übertragen sich diese Änderung auch auf alle anderen Geräte. Und umgekehrt. Eine unterwegs auf dem iPad erstellte Präsentation lässt sich also im Büro vollenden, ein mit dem iPhone geschossenes Bild landet automatisch auch auf dem Rechner.
Mit der Einführung des neuen mobilen Betriebssystems iOS 6 im Herbst geht die Verzahnung sogar noch ein Stück weiter: Dann wird man bespielsweise einen Online-Artikel, den man unterwegs aufgerufen hat, zuhause zu Ende lesen können - sofern dort der Browser Safari 6 installiert ist, der bei "Mountain Lion" gleich mitgeliefert wird und allenfalls noch für "Lion" als Update erhältlich ist. Als regulären Download gibt es den neuen Browser nicht. Auch eine Version für Windows steht noch in den Sternen.
Eine Online-Anbindung setzt auch die über die "Systemsteuerung" aktivierbare Diktatfunktion voraus, die überall dort zum Einsatz kommt, wo Text eingegeben werden kann - und das übergreifend in allen Programmen und Apps auf dem Mac. Ähnlich wie bei iPhone und iPad wird die Spracheingabe per Mikro digitalisiert an einen Apple-Server geschickt, in Text ungewandelt und zurückgeschickt. Das funktioniert mitunter so gut, dass Teile dieses Textes auf diese Art und Weise entstanden sind. Allerdings sollte man unbedingt auch die Satzzeichen mitdiktieren. Andernfalls ist man mit der Korrektur länger beschäftigt, als man vermutlich für das Tippen benötigt hätte. Die iPhone-4S-Assistentin Siri sucht man allerdings vergebens.
Ebenfalls von iPhone und iPad bekannt ist die Anwendung "Nachrichten". Sie löst auf Macs mit dem neuen Betriebssystem das Programm iChat ab und ermöglicht das kostenlose Verschicken von SMS-ähnlichen Kurzmitteilungen (iMassages) an andere mobile Apple-Geräte mit iOS 5 oder Macs, auf denen "Mountain Lion" installiert ist. Prima: Die angefangenen Konversationen lassen sich unterwegs einfach vom iPhone weiterführen, da auch sie permanent synchronisiert werden.
Eintrudelnde E-Mails, iMessages, Tweets, Kalendermeldungen, Erinnerungen und ab Herbst auch Facebook-Posts von Freunden - das alles läuft, selbst wenn die Anwendungen geschlossen sind, in der neuen "Mitteilungszentrale" auf, die ihren Platz am rechten Bildschirmrand gefunden hat. Öffnen lässt sich eine Komplettübersicht durch eine simple Wischbewegung auf dem Trackpad. Ansonsten poppen kleine Vorschau-Kästchen kurz auf, die sich aber auch ausschalten lassen, wenn man gerade nicht gestört werden will. Beispielsweise, wenn man gerade gegen andere "Mountain Lion"- oder iPhone/iPad-User um die Wette rast.
Das "Game Center", ebenfalls im vollen Umfang aus dem mobilen Betriebssystem iOS übernommen, ermöglicht nämlich nun plattformübergreifendes Spielen - wenngleich diese Funktion bislang nur wenige Titel wie "Real Racing 2" unterstützen. Haushohe Siege oder neue Highscores können sogleich über soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook verkündet wurden. Diese wurden wie beim mobilen Betriebssystem iOS nun auf Systemebene integriert, sodass man die Zugangsdaten für beide sozialen Netzwerke nur einmal hinterlegt und fortan aus allen Apps und Andwendungen heraus über einen bestimmten Button Inhalte wie Fotos, Videos oder Links direkt teilen kann - alternativ auch per iMessage oder E-Mail. Apropos: Wer einen Link über das Mac-Mail-Programm verschickt, darf wählen, ob er nur die URL, die ganze Webseite oder deren Inhalt als PDF einfügen möchte.
Ab Herbst wird die Freundschaft von Apple und Mark Zuckerbergs sozialem Netzwerk noch inniger, die Verknüpfung von Funktionen noch vielseitiger. Dann werden Freundeslisten und Kontakte auf Wunsch automatisch abgeglichen und mit Porträtbildchen bestückt - inklusive laufender Änderungen. Auch lassen sich dann aus jeder App auf dem Mac Nachrichten in die eigene Chronik schreiben oder die Meldungen anderer kommentieren.
Ideal für Präsentationen, zum Spielen oder für Besitzer des kleinsten MacBook Airs: die Funktion "AirPlay Mirroring". Damit lassen sich - ein Apple-TV-Kästchen vorausgesetzt - sämtliche Inhalte per Knopfdruck drahtlos auf den großen Fernsehschirm übertragen.
Nach einem anstregenden Arbeitstag legt man sich schlafen, der Mac macht weiter - auch im Ruhezustand. "PowerNap" nennt Apple diese stromsparende Funktion speziell für MacBooks ab Baujahr 2011, die fortlaufend Mails abruft und Daten mit der iCloud aktualisiert, ohne das Betriebssystem in voller Stärke hochfahren zu müssen. Bei angeschlossener Stromversorgung (also bei MacBooks) werden sogar Software-Updates geladen und Backups angelegt. Am nächsten Morgen steht man auf und merkt, dass der Traum von totaler Vernetzung doch keiner war.
Dafür ist die Illusion absoluter Sicherheit auf Macs dahin. Da der weltweite Marktanteil der Rechner mit dem angebissenen Apfel im Logo wächst (aktuell rund sechs Prozent), werden sie auch immer anziehender für Schadsoftware. "Mountain Lion" setzt Viren und Trojanern den "Gatekeeper" in den Weg, der dafür sorgen soll, dass am besten nur noch Apps aus dem Mac App Store oder zumindest von zertifizierten Entwicklern installiert wird. Da man aber nur ungern auf Software wie den "VLC Player" verzichten will, wird der Pförtner einfach für kurze Zeit deaktiviert.
Fazit: "Mountain Lion" erweist sich als günstiges und stabiles Betriebssystem mit vielen Komfortfunktionen, die Macs mit den passenden Hardware-Voraussetzungen (siehe Link) ein gutes Stück leichter bedienbar machen - und User nach Kräften in Apples schöner, neuer, abgeschotteter Welt halten wollen. Warum noch andere Geräte nutzen, wenn alles stets auf dem neusten Stand gehalten wird und immer und überall verfügbar ist? Eine Form der Bequemlichkeit, die letztlich in ewiger Produkttreue enden soll.
Da passt es gut, dass sich eine gekaufte Vollversion von "Mountain Lion" auf beliebig vielen eigenen Mac-Computern installieren lässt. Technische Fehler oder Kompatabilitäsprobleme mit älteren Programmen traten während der zweiwöchigen Testphase nicht auf. Ebenso wenig konnten unerwünschte Abmeldungen vom System und schwindende Akkulaufzeiten, die einige Käufer in Foren beklagten, auf den Testsystemen (ein drei Jahre altes MacBook und ein aktuelles MacBook Air) beobachtet werden.
Tückisch ist jedoch der "Speichern unter"-Button. Der wurde bei der Vorgängerversion "Lion" entfernt und nun wieder hinzugefügt - allerdings mit anderer Funktionsweise: Wer beispielsweise Dokumente mit Programmen wie "Pages" oder "Textedit" bearbeitet hat und als Alternativversion unter neuem Dateinamen abspeichert, ändert womöglich auch das Original. Denn das alte Dokument wird beim Schließen automatisch ebenfalls auf den neuesten Stand gebracht, sodass man zweimal die neue Fassung gesichert hat. Die alte gibt es dann nur noch als Backup.
Gerd Hilber




