Web / Reportage

Der Feind in meinem Bett

Aus den Laken direkt ins Netz - eine neue Form des Cyber-Mobbings

Klar, One-Night-Stands bargen schon immer Gefahren. Die häufigste Nebenwirkung war bisher allerdings das Grauen beim Anblick des Bettgefährten, bei dem sich, nüchtern betrachtet, die Frage aufdrängte: "Was ist gestern nur in mich gefahren?" Wenn die jüngste Variante des Cyber Mobbings allerdings weitere Trittbrettfahrer findet, müssen sich Frauen am Morgen danach die noch beängstigendere Frage stellen: "Bin ich über Nacht unfreiwillig als Nacktmodel weltberühmt geworden?"

Die Rede ist vom sogenannten "Bed Of Shame". Die Idee hinter dem zweifelhaften neuen Mobbing-Meme ist schnell erklärt: Vornehmlich männliche User machen einen Schnappschuss ihrer nichtsahnenden Bettgefährtin, während diese schläft und stellen diesen online. Losgetreten hat die Lawine des digitalen Blicks durchs Schlüsselloch ein britischer Reality-TV-Darsteller namens Gary Beadle, der in der MTV-Serie "Geordie Shore" sein Talent als Feierbiest und Aufreißer zur Schau stellt. Kaum hatte er auf Twitter ein Foto von sich und einer nackten Dame veröffentlicht und die Frage "How many people r doing the walk of shame hahahaha?" gestellt, folgten unzählige Nachahmungstäter dem schlechten Beispiel. Trendsetter Beadle hat sich zwar bereits entschuldigt und seine mehr als 700.000 Follower aufgefordert, "Bed Of Shame"-Bilder zu löschen, doch was einmal im Netz zappelt, ist daraus bekanntlich schwer zu entfernen.

Mittlerweile ist "Bed Of Shame" nicht nur ein gefragter Hashtag bei Twitter, sondern auch ein Modewort bei Facebook. Auch als URL mit diversen Toplevel-Domain-Varianten ist bedofshame in Suchmaschinen leicht zu finden. Was sich unter dem Schlagwort im Netz findet, reicht von Fotos, die sich nur durch die Ahnungslosigkeit der Porträtierten von ästhetischen Aktbildern unterscheiden bis zu Schnappschüssen, welche das Opfer bewusst zur Witzfigur machen wollen.

Der Männer, Paar- und Sexual-Therapeut Peter Thiel erklärt, was "Bed Of Shame" von anderen Cyber-Mobbing-Phänomenen unterscheidet: "Anders als beim herkömmlichen Mobbing haben Täter und Opfer hier keine Vorgeschichte. Rache ist nicht das Motiv. Dem Mann geht es nicht darum, diese konkrete Frau öffentlich bloßzustellen. Stattdessen geht es um die narzisstische Selbstinszenierung nach dem Motto 'Seht her, das ist die Beute meiner Jagd!'" Der Cyber-Jäger hängt kein Geweih an die Wand, er fotografiert höchstens ein Arschgeweih.

Die Waffen mögen sich verändert haben, der Intellekt der Jäger jedoch scheint auf Steinzeit-Niveau steckengeblieben zu sein. Diesen Schluss legen die Kommentare nahe, mit denen die Hobby-Paparazzi ihre Beweisfotos garnieren: "Mission geglückt", "Oh ja, wir haben es getan" oder "Ich habe sie müde gemacht" sind da noch die harmlosesten verbalen Siegerposen. Der Therapeut fährt fort: "Wie ein Graffiti-Künstler kann der 'Bed Of Shame'-Akteur sein Werk nicht wie ein Maler unterschreiben. Nur Insider wissen, wer dahintersteckt. Anstatt am namentlichen Ruhm erfreut sich der Hobby-Fotograf an der Reaktion seines Publikums - den anerkennenden oder empörten Kommentaren im Web. Ganz wie im Singerclub: Dort gibt es Voyeure und Akteure und beide kommen auf ihre Kosten." Der Unterschied ist nur: Im Swingerclub willigt die Frau bewusst in die Regeln des Spiels ein.

Wirklich schamlos sind im Bett der Schamlosigkeit eigentlich nur die Täter, die die Wehrlosigkeit ihrer Opfer missbrauchen. Dieses Verhalten als postpubertären Dummen-Jungen-Streich abzutun, würde die Perspektive der Opfer außer Acht lassen. Dass es sich hierbei nicht nur um eine moralische, sondern auch um eine juristische Frage handelt, erklärt der auf Internet-Strafrecht spezialisierte Anwalt Gero Priebe aus Wuppertal: "Aufgrund der einschlägigen Straftatbestände kann von einem Kavaliersdelikt keine Rede sein. Bei Identifizierung des Täters muss dieser mit einer empfindlichen Sanktion rechnen. Die Strafdrohung ist Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe." Dass das Netz nie vergisst, wird auch im Gerichtssaal berücksichtigt: "Bei der Strafmaßfindung findet der Umstand Rechnung, dass ein einmal ins Netz gestelltes Bild sehr schwer zu beseitigen ist und eine virale Verbreitung - gerade auf einem neuen Medium wie 'Bed Of Shame' kaum bis gar nicht aufzuhalten ist." Mit anderen Worten: Das Opfer hat zwar einen Unterlassungsanspruch, doch dürfte die "Vernichtung des unbefugt hergestellten Bildmaterials aufgrund der sich entwickelnden Eigendynamik der Verlinkung ausgeschlossen sein."

Der Anspruch des Opfers auf Schmerzensgeld mag ein wirkungsloser Balsam sein, doch es gibt einen anderen Trost: Das Internet vergisst zwar nie, aber es ist schnell gelangweilt und immer auf der Suche nach dem nächsten Meme. So gibt es bereits eine Gegenbewegung zum "Bed Of Shame": Die Netzgemeinde parodiert das Phänomen mit Bildern, in denen statt halbnackter Frauen Plüschtiere, Haustiere oder Spielzeugfiguren im Bett liegen. Das Meme von gestern ist so schnell passé wie ein unspektakulärer One-Night-Stand.

Michael Eichhammer

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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