Voll Abgefahren!

Zwei Räder, ein Sattel und die unendliche Weite um sich herum – das ist für Steffi Steinberg und ihren Mann Gerry die Idealvorstellung von Glück. Die Beiden fahren für ihr Leben gern Fahrrad und zwar auf der ganzen Welt. Aber wer sich eine gemütliche Radtour mit Mittagspause und abendlichem Einkehren vorstellt, der irrt gewaltig.

Das Ehepaar aus Bad Honnef möchte gemeinsam mit zwei Freunden beim wohl anspruchsvollsten Fahrradrennen der Welt, dem „RACE ACROSS AMERICA“ an den Start gehen.

Die Tour

Das „RACE ACROSS AMERICA“ ist ca. 5.000 Kilometer lang und erstreckt sich von Oceanside, Kalifornien bis Annapolis, Maryland. Auf der Strecke liegen die Rocky Mountains und die Appalachen, sodass insgesamt 52.000 Höhenmeter bezwungen werden müssen. Für viele Herausforderung genug, nicht so bei den vier Radfahrern aus dem RBRS-Land: Das Team Steinberg möchte den Zeitrekord in der Kategorie „4er mixed 50+“ aufstellen. Dafür müssen die Steinbergs sowie ihre Teamkollegen Beate Görtz und Peter Hillermann die Strecke in knapp sechs Tagen abfahren. Einen entscheidenden Vorteil hat die Mannschaft: Gerry Steinberg konnte bereits 2011 als erster durch die Ziellinie fahren und den Streckenrekord in seiner Altersklasse aufstellen. Dieser hielt bis vor drei Jahren, dann schnappte sich ein Österreicher die Bestmarke. Es war sofort klar, dass die Bad Honnefer das nicht auf sich sitzen lassen wollen und den Rekord wieder zurück ins Rheinland bringen müssen. Die Vorbereitungen begannen sofort.

Zwei Jahre Vorbereitung für sechs Tage Vollgas

Damit der Rekord gelingt, trainiert das vierköpfige Team jeden Tag mehrere Stunden. Für eine möglichst authentische Testsituation haben sich die Steinbergs einen „Fahrsimulator“ ins heimische Studio gestellt. Dieser besteht aus einer virtuellen Teststrecke, die auf eine Leinwand projiziert und mit einem echten Rennrad abgefahren wird. Doch anstelle eines Hinterrads haben die Steinbergs ein Gerät montiert, das je nach virtueller Fahrbahnbeschaffenheit den echten Fahrwiderstand verändert. So können Bergfahrten oder sogar Kopfsteinpflaster-Passagen möglichst authentisch simuliert werden. „Der Boden macht mit!“, fasst Steffi Steinberg das entscheidende Trainingsgerät zusammen.

Team im Ausnahmemodus

Auf der Tour quer durch 14 US-Staaten und vier Zeitzonen muss jeder der vier Fahrer zwischen 1.200 und 1.500 Kilometer absolvieren. Eine „Etappe“ dauert 20 Minuten, das heißt 20 Minuten „auspowern“ und dann kurz regenerieren. „Am Tag kommt man so auf nur ca. vier Stunden Schlaf, aber im Alter braucht man davon ja auch nicht mehr so viel“ scherzt der 60-jährige Gerry Steinberg. Begleitet werden die vier Extremsportler von einer neunköpfigen Crew, die sich um das Begleitfahrzeug, die Fahrräder und die nötige Verpflegung kümmert. Dennoch: Auch bei einem dreizehnköpfigen Team kann es zu Komplikationen und Problemen kommen. So wurde vor ein paar Jahren ein Begleitfahrer kurzerhand auf einem Tankstellenparkplatz vergessen, weil das Auto bereits vollbesetzt wirkte. Kevin allein zu Haus lässt grüßen.

Warum das alles?

Bei all den Strapazen, Gefahren und finanziellen Herausforderungen – die Tour kostet das Team rund 40.000 Euro – liegt die Frage nach dem Sinn nicht weit. Also, warum das alles? Gerry Steinberg gibt zu, sich selbst diese Frage auch hin und wieder zu stellen. Doch dann erinnert er sich an seinen Lebenswandel. Noch vor zwanzig Jahren brachte der Bad Honnefer 100 Kilo auf die Waage, dann entschloss er sich, etwas zu ändern und mehr Sport zu machen. Die vielen Pokale und Medaillen im Trainingsstudio bezeugen seinen Erfolg. Wenn ihm die Schmerzen und der Vorbereitungsstress dennoch zu viel werden, schaut Steinberg auf die Fotos der letzten Fahrradtouren, die er direkt neben seinem Trainingsplatz aufgestellt hat. Auf den Bildern wird die Motivation dann wieder sofort klar: Zwei Räder, ein Sattel und die unendliche Weite um sich herum – das ist für Steffi und Gerry Steinberg die Idealvorstellung von Glück. Der Schmerz geht, die Erinnerungen nicht.