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Surrealistisches Gesicht mit Glitch-Effekt
© Arman Zhenikeyev/Westend61/dpa-tmn
Wenn neurodivergente Menschen bestimmte Verhaltensweisen bewusst oder unbewusst unterdrücken, spricht man auch von Masking.
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Angepasst, aber erschöpft: Was hinter Masking steckt

Neurodivergente Menschen, etwa mit Autismus oder ADHS, entwickeln oft Anpassungsstrategien, um Erwartungen zu erfüllen. Das kann kurzfristig entlasten, auf Dauer aber erschöpfen. Was hilft?

Veröffentlicht: Dienstag, 07.07.2026 02:47

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Neurodivergenz

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Hamburg/Mönchengladbach (dpa/tmn) - Nach außen angepasst, innerlich erschöpft: Was wie souveränes Sozialverhalten wirken kann, ist für viele neurodivergente Menschen das Ergebnis intensiver Anpassung – in der Öffentlichkeit bekannt als Masking (deutsch: maskieren), in der Psychologie auch Camouflaging (deutsch: tarnen) genannt.

Kurzfristig kann das entlasten. Langfristig kann es jedoch viel Energie kosten, sich ständig verstellen zu müssen, um in eine überwiegend neurotypisch geprägte Umwelt zu passen. Doch was genau steckt dahinter – und was hilft Menschen, die durch Masking erschöpft sind? Experten geben Antworten.

Was genau steckt hinter Masking und wer ist besonders betroffen?

«Unter Masking versteht man das bewusste oder auch unbewusste Verbergen neurodivergenter Eigenschaften, um sozial besser dazuzugehören oder nicht aufzufallen», so Sascha Reiners, psychologischer Psychotherapeut und stellvertretender Landesvorsitzender der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung in Nordrhein. Der Begriff wird besonders häufig im Kontext von Autismus verwendet, allerdings berichten auch Menschen mit ADHS oder anderen Formen von Neurodivergenz von solchen Erfahrungen.

Es äußert sich laut Reiners vor allem darin, dass Betroffene soziale Regeln genau beobachten und nachahmen, Blickkontakt steuern, Gespräche einüben oder Reizüberforderung unterdrücken. Häufig entstehen feste Strategien oder innere «Skripte». Auslöser sind oft frühe Erfahrungen: «Viele Betroffene haben erlebt, dass ihr natürliches Verhalten irritiert oder negativ bewertet wurde», so Reiners.

In der Forschung werden unterschiedliche Begriffe wie Masking und Camouflaging verwendet, erklärt der Psychologe Johannes Boettcher. Er leitet die Arbeitsgruppe «Soziale Kommunikation und Psychische Gesundheit» am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Gemeint ist der bewusste oder unbewusste Einsatz von Strategien, um autistische Merkmale zu verbergen oder soziale Schwierigkeiten auszugleichen.

Boettcher nutzt den Begriff Camouflaging ausschließlich im Kontext von Autismus, da dies den Schwerpunkt seiner Arbeit bildet. Gleichzeitig betont er, dass es sich nicht um ein rein autistisches Phänomen handelt: «Wir alle wollen irgendwie den Eindruck von uns so anpassen, dass wir bei dem Gegenüber gut ankommen. Und das macht dieses Konstrukt sehr schwierig.»

Ein wichtiger Unterschied bei Autisten sei, dass «sie eine hohe Motivation haben, in die nicht-autistische Welt hineinzupassen», so Boettcher. Camouflaging ist demnach keine willkürliche Handlung, sondern eine Reaktion auf eine Welt, die autistische Verhaltensweisen nur begrenzt akzeptiert - und keine Krankheit, sondern eine Anpassungsstrategie.

Welche Folgen kann Masking haben?

Kurzfristig kann Masking schützen, etwa soziale Teilhabe ermöglichen und Ausgrenzung im Schul- oder Berufsalltag verhindern oder verringern. Langfristig kann das ständige Anpassen jedoch erschöpfen und mit Angst oder Depressionen in Verbindung stehen – Studien zeigten hier lediglich Assoziationen, keine Kausalität, so Boettcher.

Klar ist jedoch: «Sich die ganze Zeit sehr stark zu verstellen, kostet Energie», so Boettcher. Wer dauerhaft Masking betreibt, verliert leicht den Kontakt zum eigenen Ich. 

Problematisch wird es laut Sascha Reiners auch, wenn eigene Bedürfnisse kaum noch wahrgenommen werden: «Wenn Menschen über lange Zeit das Gefühl haben, nicht sie selbst sein zu können, kann das zu Erschöpfung, innerem Druck oder Unsicherheit im eigenen Selbstbild führen.»

Für das Umfeld bleibt oft unsichtbar, wie viel Energie in die Anpassung fließt. Belastung oder Reizüberforderung werden leicht unterschätzt, was laut Reiners zu Missverständnissen führen kann. Psychotherapeutisch geht es daher meist nicht darum, Masking ganz abzulegen, sondern den Umgang damit bewusster und selbstfürsorglicher zu gestalten.

Welche Strategien helfen beim Umgang mit Masking - und wie findet man wieder zu einer besseren Selbstwahrnehmung?

Laut Boettcher sollte das Ziel nicht sein, das Masking komplett abzulegen. Wichtiger sei, bewusst zu wählen, wann man sich anpasst und wann man das eigene Ich zeigen kann. Ein erster Schritt ist, zu erkennen, wann und wie man camoufliert, und diese Anpassung gezielt einzusetzen.

Boettcher betont dabei, dass es darum geht, die Schichten des Camouflaging zu erkennen und das eigene Verhalten bewusst wahrzunehmen: «Das ermöglicht einem, dass man vielleicht wieder zum eigenen Selbst und zu dem eigenen Verhalten zurückkommt.» Ziel ist, bestimmte Verhaltensweisen wieder zulassen zu können, sodass das ständige Unterdrücken weniger Energie kostet und das eigene Selbst wieder in den Vordergrund rückt.

«Ein zentraler Schritt ist, die Aufmerksamkeit wieder stärker auf eigene innere Signale zu richten», so Reiners. Dazu gehört zu erkennen, wann Stress entsteht, welche Situationen besonders belastend sind und wie Körper und Gedanken reagieren. Sich sichere Räume zu schaffen, ist ein weiterer Schritt: «Das können vertraute Beziehungen oder Umgebungen sein, in denen man sich sicher fühlt», sagt der Psychotherapeut. 

Regelmäßige Pausen und Rückzugsmöglichkeiten verringern zusätzlich die Belastung. Eigene Bedürfnisse klar zu kommunizieren, etwa am Arbeitsplatz, und kleine Veränderungen im Alltag können Stress deutlich reduzieren. Achtsamkeitsübungen, Tagebuchschreiben oder gezielte Selbstreflexion können ebenfalls helfen. Kleine Experimente im Alltag, bei denen man sich weniger stark anpasst, stärken zusätzlich das Gespür für die eigenen Bedürfnisse, so Reiners.

Auch der Austausch mit anderen neurodivergenten Menschen, Wissen über Neurodivergenz oder persönliche Reflexion helfen, das eigene Verhalten besser zu verstehen und Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

Wann kann eine Psychotherapie sinnvoll sein?

Laut Boettcher ist eine Therapie vor allem dann sinnvoll, wenn eine deutliche psychische Belastung beziehungsweise zusätzliche psychische Erkrankungen bestehen, etwa Depressionen oder Angststörungen. Masking kann so tief verankert sein, dass der Zugang zum eigenen Selbst schwerfällt. 

Wichtig: Psychotherapie zielt nicht darauf ab, Autismus oder autistische Merkmale zu behandeln, sondern die begleitenden psychischen Belastungen zu lindern, so Boettcher. In der Therapie kann laut Reiners daran gearbeitet werden, die eigene Wahrnehmung zu stärken, Selbstakzeptanz zu entwickeln und neue Strategien im Umgang mit sozialen Anforderungen zu finden.

Wie findet man einen guten Umgang mit Reaktionen auf das unverstellte Selbst?

Wer lange camoufliert, erlebt laut qualitativen Studien vor allem im Erwachsenenbereich oft Irritation oder Ablehnung - selbst von nahestehenden Personen -, wenn er das Masking reduziert und wieder das eigene Ich zeigt, so Boettcher. «Und vielleicht spiegelt das wider, wie sehr eigentlich autistische Menschen in unserer Gesellschaft unter Druck stehen, sich anzupassen.»

Reiners betont, dass andere oft an bestimmte Verhaltensweisen gewöhnt sind. Veränderungen sollten daher schrittweise angegangen und zunächst mit vertrauten Menschen erprobt werden. Offene Gespräche über eigene Bedürfnisse und neurodivergente Erfahrungen fördern Verständnis. Ein stabiles Selbstgefühl und unterstützende Beziehungen helfen, gelassener damit umzugehen - und das eigene Ich wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken.

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© dpa-infocom, dpa:260707-930-344571/1
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