
Fußball-Boss unter Druck
Rabat (dpa) - Inmitten seiner schwersten Krise als FIFA-Präsident schickte Gianni Infantino aus dem kleinen Al Medina Stadium von Rabat ein klares Signal in die aufgeregte Fußball-Welt. Infantino verbreitete via Instagram ein Foto mit seinem in der vergangenen Woche noch abtrünnig wirkenden Generalsekretär Mattias Grafström.
Beide grinsen und recken demonstrativ einen Daumen nach oben. Es sollte beim Besuch des Afrika Cups der Frauen unterstreichen, was der Weltverband nach einer Krisensitzung in der marokkanischen Hauptstadt mitgeteilt hatte: Die FIFA-Führung steht geschlossen hinter Infantino. Und der Verbandsboss aus der Schweiz denkt gar nicht daran, von sich aus seinen Rücktritt zu erklären.
FIFA will «keinerlei Angriffe mehr dulden»
Stattdessen schaltete Infantino nur viereinhalb Tage nach dem krachenden Scheitern des Investorendeals, mit dem er die Fußball-Szene zuvor schockiert und empört hatte, wieder in den Angriffsmodus. In einem Schreiben, das an die FIFA-Vizepräsidenten und Councilmitglieder der FIFA adressiert ist und von Sky News in voller Länge veröffentlicht wurde, gestehen die beiden Unterzeichner Infantino und Grafström zwar Fehler ein. Doch nicht nur das.
Sie drohen auch mit Konsequenzen. «Nach der Rücknahme des Projekts wird die FIFA keinerlei Angriffe auf ihre Integrität, ihre gute Unternehmensführung und die Einhaltung ordnungsgemäßer Verfahren mehr dulden und alle erforderlichen Maßnahmen ergreifen, um ihren Namen und ihren Ruf zu schützen und zu wahren», heißt es wörtlich.
Rückendeckung von Grafström
In den vergangenen Tagen hatte es eine beispiellose Welle der Kritik und viele Rücktrittsforderungen an Infantino wegen des geplanten Investorendeals gegeben. Die Europäische Fußball-Union UEFA hatte geschlossen mit allen 55 Mitgliedern gedroht, die WM und alle weiteren FIFA-Wettbewerbe zu boykottieren, wenn der geplante Deal nicht zurückgenommen werde.
Dies geschah schließlich in der Nacht zu Samstag, nachdem nach einer Absage aus Nord- und Mittelamerika und Asien klar war, dass das Projekt keinerlei Mehrheit haben würde.
In Marokko versammelte Infantino nun das Top-Management der FIFA um sich und bekam in Rabat das, was er sich erhofft hatte: die volle interne Rückendeckung, die in der vergangenen Woche zu bröckeln drohte. Der Schwede Grafström hatte zuletzt angesichts des gescheiterten Plans zum Verkauf von WM-Rechten an Investoren in einer internen Mail an FIFA-Mitarbeiter noch eine «traurige und tadelnswerte Reihe von Ereignissen» sowie «Aufruhr» beklagt.
Was macht die UEFA?
Nun unterzeichnete Grafström einen Brief, der eine Entschuldigung zu einem Vorgang enthielt, der dem Generalsekretär offenbar gar nicht bekannt war. «Zur Vermeidung jeglicher Missverständnisse bekräftigen der FIFA-Generalsekretär und das anwesende Management Board ihre uneingeschränkte Unterstützung für FIFA-Präsident Gianni Infantino als den einzigen offiziellen Repräsentanten, der von den 211 FIFA-Mitgliedsverbänden gewählt wurde», hieß es von der FIFA.
Im Spiel der machtpolitischen Winkelzüge ist nun wieder die UEFA am Zug. Der europäische Dachverband hatte Infantinos Pläne zunächst scharf verurteilt, dann mit WM-Boykott gedroht und selbst nach den geplatzten Plänen den Druck hochgehalten. «Die derzeitige FIFA-Führung hat nicht nur das Vertrauen der UEFA verloren, sondern auch das vieler anderer Mitglieder der Fußballfamilie», hatte die Europäische Fußball-Union geschrieben.
Auch aus der Politik bleibt die Kritik an Infantino wortstark. Nach dem britischen Premierminister Andy Burnham sprach sich auch Kanadas Premier Mark Carney für ein Ende der Ära Infantino aus. «Das sollte sein Aus sein. Ich habe definitiv kein Vertrauen mehr in Herrn Infantino», sagte Carney und kritisierte konkret, dass Infantino seinen engsten Vertrauten wichtige Überlegungen hinsichtlich des Investorendeals vorenthalten habe.
Infantino teilt Unterstützung von Verbänden
Die FIFA räumte ein, kommunikativ Fehler gemacht zu haben. Es herrsche Einigkeit darüber, dass es nicht beabsichtigt gewesen sei, dem FIFA-Council und den FIFA-Mitgliedsverbänden «das Gefühl zu geben, vom Prozess ausgeschlossen zu sein, und dass der Prozess anders hätte gehandhabt werden sollen», teilte der Weltverband mit.
Doch dieses Eingeständnis ist aus Sicht der FIFA und vor allem aus Sicht von Infantino längst kein Grund, zur Seite zu treten. Im Gegenteil: Infantino will sich im März 2027 in Marokko für eine weitere Amtszeit bis 2031 wählen lassen und informiert aktuell über jeden Verband, der ihn unterstützt. In der Nacht nach dem Krisengipfel postete Infantino die Unterstützungsschreiben aus der Mongolei sowie von den Philippinen.
Insgesamt acht asiatische Verbände unterstützen Infantino demnach bislang. Dazu zählt auch der ehemalige WM-Gastgeber Katar. Noch nicht positioniert hat sich dagegen Saudi-Arabien, das 2034 erstmals Ausrichter der WM sein soll und im Nahen Osten als sportpolitisch immer wichtigerer Akteur wahrgenommen wird.
Wie wahrscheinlich ist ein Sturz?
Auf der anderen Seite haben erste europäische Verbände wie Wales oder Serbien angekündigt, Infantino nicht mehr offiziell unterstützen zu wollen. Im Gegensatz zur kollektiv ausgesprochenen Boykott-Drohung wirkt die UEFA in dieser Frage aber noch nicht so geschlossen. Auch gibt es offiziell noch keinen Herausforderer für Infantino.
Um den Mann aus dem Wallis zu stürzen, gibt es mehrere Optionen: das aus 37 Mitgliedern bestehenden FIFA-Council, bei dem eine Mehrheit eine Krisensitzung einberufen könnte. Oder eine außerordentliche Sitzung des FIFA-Kongresses, für die 43 von 211 Stimmen nötig wären.
Der Konflikt um die Zukunft Infantinos könnte nicht nur sportpolitisch, sondern auch juristisch zum Thema werden. Die UEFA hat den FIFA-Boss laut «Financial Times» und «Telegraph» dazu aufgefordert, sämtliches Material im Zusammenhang mit dem Vorhaben nicht zu vernichten. Entsprechende Schreiben gingen demnach unter anderem auch an Technologieinvestor Joshua Kushner, der eine Schlüsselrolle bei dem Projekt hätte einnehmen sollen.


