
Die Seele leidet
Bad Grönenbach (dpa/tmn) - Verabredungen mit den liebsten Freundinnen wecken keinerlei Glücksgefühle mehr, sondern fühlen sich bloß egal an. Unterwegs in der Bahn klopft das Herz immer wieder wie wild, begleitet von Schweißausbrüchen und Angstgedanken.
Wer das Gefühl hat, das die eigene Psyche aus der Balance geraten ist, fragt sich: Ist das nur eine Phase - oder schon mehr, sodass ich mich um einen Psychotherapieplatz bemühen sollte?
Wie so oft gilt: Die eine Antwort, die für alle gilt, gibt es nicht. «Entscheidend sind die Art der Beschwerden, ihre Dauer und die Frage, wie stark sie den Alltag beeinflussen», so Jochen von Wahlert, Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Faustregel: Wenn die Beschwerden den Alltag einschränken und einen Leidensdruck mit sich bringen, gibt das Anlass, sich nach professioneller Hilfe umzuschauen.
Beispiel 1: Erschöpfung
Stressige Phasen, die einen auslaugen, kennt jeder. Doch wann droht die Lage in Richtung Burn-out zu kippen? Kritisch wird es, wenn Wochenende und Urlaub kaum noch Erholung bringen, nennt Jochen von Wahlert ein Alarmzeichen. Auch wenn man über Monate das Gefühl hat, die Tage einfach nur abzuarbeiten, sollte man das ernst nehmen - und sich Unterstützung holen.
Dann kann eine Psychotherapie helfen, Verhaltensmustern hinter Stress und Erschöpfung auf die Spur zu kommen: «Warum fällt Neinsagen so schwer? Weshalb bleiben die eigenen Bedürfnisse ständig zurück?», zählt der Facharzt von der Psychosomatischen Privatklinik Bad Grönenbach auf.
Beispiel 2: Traurigkeit
Traurigkeit ist eine Emotion, die zum Leben dazugehört. Eine Depression geht jedoch weit über bloße Traurigkeit hinaus: Gesellen sich regelmäßig innere Leere, fehlender Antrieb, starke Selbstzweifel, Grübelschleifen oder Schlafstörungen hinzu, kann das für eine Depression sprechen. Erste Orientierung kann auch ein Selbsttest der Deutschen Depressionshilfe bringen.
Beispiel 3: Ängste
Ängste schützen uns vor Gefahren: Bestimmen sie aber ganze Lebensbereiche, hat sich womöglich eine Angststörung entwickelt. Typisch dafür ist ein Vermeidungsverhalten. Betroffene sagen zum Beispiel Verabredungen ab oder meiden öffentliche Verkehrsmittel, um nicht mit ihren Ängsten konfrontiert zu werden. «Das was zunächst Sicherheit vermittelt, schränkt das Leben oft immer stärker ein», beschreibt Jochen von Wahlert.
Wer an diesem Punkt ist, sucht sich am besten Hilfe. «Eine Psychotherapie hilft dabei, Schritt für Schritt neue Erfahrungen zu sammeln und verloren gegangene Freiräume zurückzugewinnen», so der Facharzt. Ziel ist es nicht, nie wieder Angst zu verspüren, sondern Strategien zu entwickeln, um mit ihr umzugehen.
Die ersten Schritte auf dem Weg zum Therapieplatz
Doch wie findet man einen Psychotherapieplatz? Vorab: eine Überweisung braucht es dafür nicht - aber Geduld. Mitunter muss man monatelang warten, bis es losgehen kann.
Erster Schritt ist, einen Termin für eine psychotherapeutische Sprechstunde auszumachen. Das kann man auf eigene Faust tun - oder sich einen Termin über den Patientenservice der Kassenärztlichen Vereinigungen «116117.de» vermitteln lassen.
Die Sprechstunde ist ein Gespräch mit einem Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin. Ziel ist, festzustellen, ob ein Verdacht auf eine psychische Erkrankung vorliegt und ob Hilfe notwendig ist, so das Bundesgesundheitsministerium. Am Ende bekommt man ein Formular ausgestellt, das sogenannte PTV 11.
Wird darauf eine Psychotherapie empfohlen, kann man sich damit auf die Suche nach einem Platz machen. Der Patientenservice bietet die Möglichkeit, online nach Psychotherapeutinnen und -therapeuten zu suchen, zu denen man dann Kontakt aufnehmen kann.
Ist auf dem Formular vermerkt, dass eine ambulante Psychotherapie «zeitnah erforderlich» ist, kann man den Patientenservice nutzen, um sich einen Termin bei einem Therapeuten oder einer Therapeutin vermitteln zu lassen.