La grande tristezza - Italien trauert nach WM-Aus

Bosnien-Herzegowina - Italien
© Fabio Ferrari/LaPresse/AP/dpa

Fußball

Rom/Zenica (dpa) - Am Tag nach dem erneuten Scheitern herrscht von Südtirol bis Sizilien überall la grande tristezza: die große Trauer. In Italiens Cafés gibt es unter regenverhangenem Himmel beim morgendlichen Cappuccino nur ein Thema: Wie konnte die Squadra Azzurra das alles entscheidende Playoff-Spiel in Bosnien-Herzegowina vergeigen und zum dritten Mal hintereinander die Fußball-WM verpassen? Sogar die Abgeordnetenkammer in Rom beschäftigt sich damit, dass alles vorbei ist, bevor es überhaupt losgeht.

«Das Drama ist, dass es kein Drama mehr ist, sondern Gewohnheit. So sind wir eben. Wir sind kaum mehr als ein Nichts. Und wir sind raus», klagt die Tageszeitung «La Repubblica». «Das ist mehr als eine Schande. Es ist ein Verschwinden. Wir sind ausgestorben wie die Mönchsrobben.» Die Konkurrenz vom «Corriere della Sera» malt sogar «Italiens Apokalypse» an die Wand.

«Unaufhaltsamer Niedergang» des italienischen Fußballs

Die größte Sportzeitung «La Gazzetta dello Sport» schreibt von einer «weiteren Katastrophe», auf die man hätte vorbereitet sein müssen. «Nach Schweden, nach Nordmazedonien ist es nun Bosnien, das uns aus dem Wettbewerb wirft, den wir immer als unseren eigenen empfunden haben.»

Italiens Fußball steckt in der größten Krise seiner Geschichte. Wie schon 2018 in Russland und 2022 in Katar bleibt der einst so stolzen Fußballnation auch bei der WM in den USA, Kanada und Mexiko nur die Zuschauerrolle. Besiegelt wurde das Schicksal mit einem 1:4 im Elfmeterschießen gegen die Außenseiter aus dem kleinen Bosnien-Herzegowina. Im Stadion der 120.000-Einwohner-Stadt Zenica - ein Name, den bislang in Italien keiner kannte und jetzt jeder - flossen die Tränen.

Der Trainer entschuldigt sich - tritt aber (noch) nicht zurück

Auch bei Trainer Gennaro Gattuso. «Ich persönlich entschuldige mich bei den Italienern. Ich habe es nicht geschafft. Es tut so weh», sagte der Weltmeister von 2006 gleich nach dem Spiel mit tränenerstickter Stimme. Er hatte das Team im Juni mit der klaren Zielvorgabe übernommen, Italien zur WM zu führen. Die personelle Zäsur, die im Land des viermaligen Weltmeisters erwartet wird, dürfte auch ihn treffen.

Er wolle jetzt nicht über seine Zukunft sprechen, betonte der 48-Jährige: «Wir sollten hier über Italien sprechen, über das blaue Trikot, darüber, dass es ein weiterer Rückschlag ist, auch wenn wir es diesmal nicht verdient haben.»

Drama im Duell vom Punkt

Italien wehrte sich nach einer Roten Karte für Verteidiger Alessandro Bastoni in der ersten Halbzeit wegen einer Notbremse nach Kräften. Moise Kean, der den Favoriten in der 15. Minute in Führung gebracht hatte, vergab in der zweiten Hälfte die Vorentscheidung. Stattdessen erzielte der Gladbacher Bundesliga-Profi Haris Tabakovic (79.) für Bosnien den Ausgleich.

In der Verlängerung rettete Torwart Gianluigi Donnarumma sein Team mit mehreren starken Paraden ins Elfmeterschießen - doch da war er machtlos. Und auch etwas unfair. TV-Bilder zeigten, wie sich der Keeper von Manchester City am Spickzettel von Bosnien-Torhüter Nikola Vasilj zu schaffen machte. Doch auch dieses Ablenkungsmanöver half nichts: Alle Bosnier trafen vom Punkt, zwei Italiener vergaben.

Inzwischen müssten die Italiener zu ihren Trikots mit den vier Weltmeister-Sternen noch dreifachen Trauerflor tragen. Che peccato! Was für ein Jammer! Der letzte WM-Triumph 2006 in Berlin liegt jetzt schon 20 Jahre zurück. Abgesehen davon, dass Italien 2021 Europameister wurde, gab es seither nur noch Enttäuschungen.

Inzwischen wächst eine ganze Generation auf, die ihre Fußballer noch nie bei einer Weltmeisterschaft gesehen hat. Das letzte WM-Spiel verloren die Azzurri 2014 mit 0:1 gegen Uruguay, gleich in der Gruppenphase, wie auch schon 2010. Nun ist man frühestens 2030 wieder dabei.

Auch Italiens Vereinsfußball in der Krise

Es ist aber längst nicht nur eine Krise der Nationalmannschaft, auch für die Vereine läuft es international nicht. Als letzter italienischer Club musste sich Atalanta Bergamo bereits im Achtelfinale aus der Champions League verabschieden - mit einem blamablen Gesamtergebnis gegen Bayern München von 2:10. Die großen Namen wie Inter Mailand, AC Mailand, Juventus Turin oder AS Rom sind bei den europäischen Wettbewerben auch schon draußen. Nur der FC Bologna und AC Florenz mischen in der Europa League beziehungsweise Conference League noch mit.

Die Zukunft des nationalen Verbandschefs Gabriele Gravina ist jetzt genauso offen wie die von Nationaltrainer Gattuso, der selbstkritisch von einer «Schande» sprach. Sogar die Regierung mischte sich in die Debatte ein. Sportminister Andrea Abodi erklärte: «Es ist für alle offensichtlich, dass der italienische Fußball neu aufgestellt werden muss und dieser Prozess mit einer Erneuerung der Führungsspitze des italienischen Fußballverbands (FIGC) beginnen muss. Es reicht nicht aus, die Schuld auf andere abzuwälzen.»

Dzeko an der Schulter verletzt

Aktuell steht Italien in der Rangliste des Weltverbandes FIFA noch auf Platz 12. Aber das wird nicht mehr lange so bleiben. Bosnien-Herzegowina ist übrigens jetzt auf dem 65. Rang. Doch das Team von Schalkes Stürmerstar Edin Dzeko, der sich in der Schlussphase der Verlängerung an der Schulter verletzte, darf sich nun bei der WM gegen in der Gruppe B mit der Schweiz, Katar und Co-Gastgeber Kanada messen. Und eine große Fußballnation schaut zu.

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Bosnien-Herzegowina - Italien
Die große Trauer: Gegen Bosnien-Herzegowina verpassten die Italiener die WM-Qualifikation.© Armin Durgut/AP/dpa
Die große Trauer: Gegen Bosnien-Herzegowina verpassten die Italiener die WM-Qualifikation.
© Armin Durgut/AP/dpa
Bosnien-Herzegowina - Italien
Zum Verzweifeln: Nationalstürmer Pio Esposito fasst sich an den Kopf.© Armin Durgut/AP/dpa
Zum Verzweifeln: Nationalstürmer Pio Esposito fasst sich an den Kopf.
© Armin Durgut/AP/dpa
Italiens Nationaltrainer Gennaro Gattuso
Die Tage von Nationaltrainer Gennaro Gattuso dürften gezählt sein.© Fabio Ferrari/LaPresse via AP/dpa
Die Tage von Nationaltrainer Gennaro Gattuso dürften gezählt sein.
© Fabio Ferrari/LaPresse via AP/dpa

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