Vorgetäuschte Krankheiten - oft Indiz für psychische Störung
Veröffentlicht: Dienstag, 28.04.2026 15:26

Gesundheit und Psyche
Bad Saulgau (dpa/tmn) - Wenn Menschen Beschwerden inszenieren, verstärken oder sogar selbst auslösen, kann dahinter eine psychische Erkrankung stecken. Experten sprechen dann von einer artifiziellen Störung. In ihrer schwersten Form ist sie auch als Münchhausen-Syndrom bekannt.
Hinter den vorgetäuschten Erkrankungen steckt - anders als etwa bei Simulanten, die als psychisch gesund gelten - aber meist keine Berechnung. Es geht nicht darum, Vorteile zu bekommen oder Konsequenzen zu vermeiden. Vielmehr ginge es Menschen mit einer artifiziellen Störung um Aufmerksamkeit, erklärt Steffen Häfner, Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
«Fühlen sich in Krankenrolle wohl, weil sich andere um sie kümmern»
«Sie fühlen sich in der Rolle des Kranken wohl, weil sich andere dann um sie kümmern», so der ärztliche Direktor der Klinik am schönen Moos. Denn ist das Umfeld besorgt oder steht etwa eine Rundumversorgung im Krankenhaus an, bekommen Menschen mit dieser psychischen Erkrankung laut Häfner häufig, was ihnen im Inneren fehlt.
Die Krankheit kann sich je nach Geschlecht unterschiedlich äußern. Bei Männern tritt oft die schwerste Form auf, auch als Münchhausen-Syndrom bekannt. Die Beschwerden werden hier oft als akuter und dramatischer beschrieben - auch Besuche in der Notaufnahme könnten öfter vorkommen.
Frauen erkranken häufiger - aber mit sanfteren Ausprägungen
Während Frauen zwar insgesamt häufiger erkranken, zeigen sich bei ihnen die Ausprägungen aber oft sanfter. Patientinnen wirken oft so, als würden sie einfach nicht gesund, erklärt Häfner.
Frauen seien zudem oft anfälliger für eine besondere Form der Erkrankung: Dem Münchhausen-by-Proxy-Syndrom - auch Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom genannt. Dabei werden laut Häfner gezielt Symptome bei nahestehenden Personen, oft bei eigenen Kindern, hervorgerufen oder vorgetäuscht.
Ursachen verstehen - oft stecken belastene Erfahrungen dahinter
Dahinter stecken laut Häfner meist belastende Erfahrungen, wie eine frühe Vernachlässigung oder ein Mangel an emotionaler Sicherheit. In vielen Fällen werde Fürsorge mit Krankheit verbunden - wenn jemand als Kind etwa vor allem Beachtung bekommen hat, wenn es ihm schlecht ging. So ein Muster könne sich festsetzen und später wieder auftreten.
Für das Gefühl, gesehen zu werden, tun Erkrankte dann einiges - das könne bis hin zu Fälschungen von Blut- und Urinproben sowie zu Selbstverletzungen reichen.
Unbehandelt können artifizielle Störungen zu körperlichen Schäden durch unnötige Eingriffe und starke psychische Belastung führen, berichtet die Apotheken Umschau. Von der Einnahme nicht verschriebener Medikamente bis zur Manipulation von Körperteilen, Körperöffnungen oder Wunden mit Gegenständen, Hitze, Schmutz oder Chemikalien könne vieles vorkommen.
Typische Symptome erkennen - da passt einiges nicht zusammen
Eine artifizielle Störung kann viele Gesichter haben. Oft ergibt sich ein Verdacht laut Häfner erst aus vielen kleinen Auffälligkeiten:
- Beschwerden werden oft ausführlich geschildert, lassen sich medizinisch aber nicht erklären.
- Häufig passen Symptome nicht zusammen: Sie können plötzlich auftauchen und genauso unerwartet wieder verschwinden.
- Auch ein häufiger Arztwechsel, insbesondere bei Zweifeln an den Schilderungen, könne ein Hinweis sein. Das ist mit ein Grund, warum die Erkrankung schwer zu erkennen und zu behandeln ist.
Häufig besteht bei Erkrankten auch kein Interesse an einer wirklichen Heilung oder richtigen Behandlung. Dabei brauchen Erkrankte laut Häfner dingend Hilfe und eine fachliche, therapeutische Begleitung.
Probleme anerkennen - Hilfe annehmen
Um Hilfe annehmen zu können, müssten Erkrankte aber erst erkennen, dass hinter den Beschwerden ein psychisches Problem steckt. «Erst wenn Betroffene ihr Verhalten zumindest ansatzweise erkennen, kann sich etwas verändern», erklärt Häfner.
Nur dann bestehe die Chance zugrunde liegende Belastungen therapeutisch aufzuarbeiten. Als hilfreich gelten dafür etwa eine kognitive Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologische Ansätze. Ziel sei es laut Häfner, einen anderen Umgang mit dem Bedürfnis nach Nähe zu finden.
Was können Angehörige bei einem Verdacht tun?
Wer in seinem Umfeld eine artifizielle Störung vermutet, braucht Geduld. Denn Erkrankte können dazu neigen, bei Zweifeln an ihren Krankheitsgeschichten den Kontakt abzubrechen.
«Angehörige sollten anhand von konkreten Beobachtungen das Thema vorsichtig – gegebenenfalls auch mehrfach – ansprechen», rät Facharzt Steffen Häfner. Dabei nicht wertend oder mit Vorwürfen reagieren, «sondern empathisch und verständnisvoll.» Da jeder Fall anders ist, spricht man das genaue Vorgehen am besten mit einem Arzt oder Psychotherapeuten ab.
Gemeinsamen Facharzt-Termin vereinbaren
Häfner rät dazu: Gemeinsam einen Termin bei einem niedergelassenen Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie zu vereinbaren, um Verbindlichkeit herzustellen. Alternativ könne man sich auch an die psychosomatische Ambulanz eines Krankenhauses wenden. Wichtig sei, dass man sicherstellt, dass der Termin auch wahrgenommen wird.
Experten in seiner Nähe findet man etwa über die Telefonnummer 116 117 sowie auf der Internetseite www.116117.de - der Informationsplattform der Kassenärztlichen Vereinigungen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zum ärztlichen Bereitschaftsdienst in Deutschland.
Selbsthilfegruppen und Austausch mit Angehörigen können helfen
Wollen Angehörige sich selbst schützen, sind Häfner zufolge Selbsthilfegruppen sinnvoll. Auch Literatur zum Thema und Austauschforen können helfen. Zudem sei es möglich, im Rahmen einer Therapie, Angehörige zu Sitzungen immer wieder einzuladen und so in die Therapie zu integrieren, erklärt Häfner.
Weitere Beratungsangebote findet man etwa auf der Internetseite des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen. Die Initiative bietet einen Erfahrungsaustausch mit geschulten, ehrenamtlichen Angehörigen an - unter anderem über das «SeeleFon» (0228/ 71 00 24 24).


